"… in das grenzenlose zu mir zurück" (else lasker-schüler)

vom wiederkehren

mitten im nebel stellt sie eine tasche auf die rückbank. autotüren knallen, der motor startet. sie ist in sich zuhause. unter den reifen am rand des universums knirscht frost. die straßen schillern noch für eine weile von cd-scheiben, die rehe fernhalten sollen. sie scheut auf und überschreitet doch die grenze nach norden.

sie reist an den anderen rand des universums. dort liegt eine in eine walfischrippe geschmiegt und atmet aus, atmet ein und ist in sich zuhause. nebelfrau lässt sich von fensterblicken geschichten über den winter erzählen. die wale singen ihr den weg durch den schneesturm.

walfischrippenfrau hört die wale, dort, wo sonnen sich einst in ihr verflochten. sie schmiegt sich weiter noch in sich und lauscht nach innen. es gibt bestimmte gesänge, die alle zeitenlosung überdauern.

der motor kommt zur ruhe. autotüren knallen. mitten im nebel nimmt sie eine tasche von der rückbank. nebelfrau scheut nichts mehr und steigt über mondsteinschollen an verstreuten rippen entlang.

am äußersten rand des universums zittert walfischrippenfrau auf vor zärtlichkeit, weil sie nebelfraus schritte unter allen erkennt. sie hebt den blick in das wunder und geht ihm entgegen.

am rand des universums bauscht der raum sein vlies und dehnt sich. zwei sind in sich zuhause wieder beieinander angekommen. sie schmiegen sich still bauch an bauch weit in den raum hinein. nebelsonne flicht ihre hände ineinander und ihre augen singen walen gleich.

manche traumbilder kehren wieder in die wirklichkeit, wenn man ihnen das federkleid überstreift, manche werden nie mehr gesehen. und zwischen den rändern des universums überdauert der gesang der wale wechselnde landschaften.

die tundra in uns

auf dem feld versteckten sich zwischen störrischen grasbüscheln noch die stoppeln des sommerroggens. der boden war uneben und mit jedem schritt konnte batya in eines der löcher stolpern, das die hunde zur mäusejagd gegraben hatten.

konzentriert hob sie jeden fuß gegen den sturm an. wenn sie sich gegen ihn lehnte, hielten die böen sie einige sekunden. sie hatte sich warm eingepackt und doch knatterte der wind an ihren ohren wie fahnen. ein wind wie die fahnen am meer, der boden wie sie sich die tundra ausmalte. batyas sinne waren bis aufs äußerste geschärft.

keine liebliche stille, kein sanftes vogelzwitschern erfüllte sie. ein aufheulen in jeder neuen böe, das gras wisperte nicht, es raschelte wild. die windräder brummten sich in ihr gehirn, nur fünf sekunden brauchten sie für eine ganze umdrehung.

ihr war schwindelig. das war schon immer so, wenn der wind toste. als ob batya die drehung der erde spürte. wie schnell sie um sich wirbelte, nur einen tag brauchte sie für eine ganze umdrehung. sonst schaute batya gern den wildgansrufen hinterher, doch jetzt durfte sie ihren blick nicht heben. hätte sie den zug der wolken verfolgt, wäre sie hingefallen. wenn es stürmte, funktionierte ihr gleichgewichtssinn nicht mehr richtig.

die hunde preschten bald leichtfüßig vor ihr her, bald schlenderten sie neben ihr über das land, das wirkte, als sei es schon jahrhunderte unverändert. batya stapfte aufmerksam und erwartete, jeden augenblick eine jurte am horizont auftauchen zu sehen. eine traurigkeit hatte sich in ihr zahnfleisch gefressen. die sorte ohne namen. dann fiel ihr ein, dass die menschen sehr wohl einen namen dafür gefunden hatten. sie nannten das gefühl, das sie in ihrem zahnfleisch spürte, „vermissen“.

sie war sich nicht sicher, was es bedeutete. aber weil es sich in ihrem zahnfleisch befand, wusste sie, dass es ein tiefer schmerz war. batya war schon aus dem leben von vielen menschen gegangen und hatte sich von vielen verlassen lassen. das war nichts besonderes, es gehörte zum leben dazu. sie hatte bisher nie jemanden vermisst. doch jetzt vermisste sie, wie rosels augen im inneren der jurte geblitzt hatten. batya vermisste, zu sehen, wie frei rosels haar wippte, wie sie aufscheute, wie traurig ihre wangenknochen manchmal waren und wie klug ihre hände den menschen vom geheimnis erzählten.

batya konnte rosel neben sich atmen spüren. ihre beine waren länger als batyas. ihr schritte geschmeidig wie die eines wolfes, der hier zuhause war. rosel zog batya das halstuch vom  mund, küsste sie ruhig und fest und nahm dann ihre hand. batya dachte, dass sie sicher den sturm in ihr spüren konnte und obwohl rosels körper eins mit der landschaft war, wusste batya, dass sie ebenso die drehung der welt spürte, wie sie selbst.

batya war stumm und lange hatten rosel und sie sich ohne ein wort alles sagen können, was wesentlich war. auch jetzt, wo rosel nicht mehr in ihrem leben war, war das unsichtbare band zwischen ihnen nicht zerschnitten. rosel wusste immer noch, wo batya zu finden war und begleitete sie in gedanken auf ihrem spaziergang. und batya wusste stets, wann rosel wachte und durch welche nacht sie ging.

zum ersten mal wünschte batya sich, sie könne sprechen. als sie rosel mit ihren augen gefragt hatte, wo die jurte wieder am horizont auftauchen würde, war rosel ihrem blick ausgewichen. sie hatte batyas hand losgelassen und war bald nur noch ein flimmern in der luft. wenn sie nur sprechen könnte, dann hätte batya auch rosels ohren gefragt. etwas in ihr verweigerte die vorstellung, dass es die jurte nicht mehr gab.

batya hätte gern das klare in rosels augen gesehen. aber abgewandte blicke verweigern die aussage und so wird aus einem wohltuenden schweigen ein totschweigen. ungewollt vielleicht, doch unweigerlich. die landschaft sah hier ewig gleich aus und bald wären alle spuren dieses spaziergangs als ein unbestimmbares detail in ihr aufgegangen.

der sturm um batya ließ nach und allmählich fand sie ihren gleichgewichtssinn wieder. sie wusste, dass es diese jurte noch gab, auch wenn ihr verstand anderes sagte. auch rosel zweifelte nicht daran, das spürte batya. aber keine von ihnen nahm einen stift in die hand und zeichnete die landkarte dorthin.

die hunde liefen voraus. sie fühlte den druck des abflauenden sturmes im rücken und in den kniekehlen. langsam drehte batya sich. nur ein leben brauchte sie für eine ganze umdrehung.

es ist mir eine ehre, ein buch einer kollegin ankündigen zu dürfen, zu dem ich auch eine persönliche bindung habe:

am 29.02.2012 erscheint bei ullstein suna von pia ziefle, den twitterern unter euch auch als @frauziefle bekannt. in ihrem debütroman geht es um die junge mutter luisa, auch suna genannt, und ihr schlafloses kind. um die beiden entfaltet sich ein schillerndes mosaik: aus wunden und wundern, aus loslassen und in sich selbst heimat einen ort zu geben. indem suna ihrem kind halt gibt, findet sie zu ihren eigenen wurzeln.

die protagonistin in pias buch geht, wie else lasker-schüler als titelgeberin dieses blogs „meinwärts“, heim zu sich selbst, „in das grenzenlose zu mir zurück“. suna ist eine geschichte, die nicht allein ländergrenzen überschreitet. sie wagt, einen teil in ihren lesern anzurühren, den wir gerne von uns abgrenzen, weil er schmerzt: unsere verletzungen aus frühen tagen. ich bin sicher, suna wird zu herzen gehen. diese geschichte ist keine eines klageschreis, sondern die eines liebevollen blickes einer jungen frau auf sich selbst.

was habe nun ich damit zu tun? mehr, als ich je angenommen hätte. nicht allein, dass ich keinen zweifel daran hege, mich auf grund meiner eigenen lebensgeschichte in der figur der suna wiederfinden zu können. viel mehr darf ich pia mit einem meiner gedichte begleiten, das im anschluss an die geschichte im buch zu finden ist.

erst vor wenigen tagen habe ich erfahren, dass ich vor zwei jahren einen stein mit ins rollen gebracht habe. die entstehung von pias buch habe ich aus der ferne wahrgenommen. pia selbst bin ich noch gar nicht persönlich begegnet, ich kenne sie nur von twitter. was aus unserem gespräch entstanden ist, zeigt mir wieder: das leben im netz muss nicht weniger herzlich und direkt sein als wenn wir unserem gegenüber leibhaftig in die augen sehen können. wenn zwei oder mehr menschen sich offenen herzens und aufmerksam aufeinander einlassen, einander lauschen, ist es egal, ob die begegnung über blicke und haut oder über tasten und bits ihren weg findet.

wenn ich nun auf das ergebnis von pias arbeit in den letzten beiden jahren schaue, bin ich erfüllt von tiefer freude. ich empfinde es als meine berufung, mich selbst und andere menschen daran zu erinnern, wie kostbar und schön wir selbst, diese welt, unsere mitmenschen sind. wie wichtig es für einen inneren frieden, für das in sich selbst beheimatet sein ist, sich mit wilder zärtlichkeit auf den weg zu sich selbst und zu anderen zu machen.

nicht immer erfahre ich, ob und wen und wie ich berühren darf. einen lichtfunken zu pia ziefles roman suna beigetragen zu haben ist für mich ein geschenk. möge mein begleitgedicht pia und das buch segnen, auf dass sunas geschichte viele menschen erreicht und bewegt.

von der demut

wir tragen den jahren nichts nach. dort, wo uns steine im weg liegen, lassen wir unsere päckchen zurück. wenn die hände erst einmal frei sind, schlupfen wir endlich in unser schönstes seelenkleid. die jahre halten uns nicht fest. streicheln uns nur zart über die wange.

wir runden das rad der erfundenen zeit. kleine, unbeholfene geste. die ewigkeit holpert sich doch in unsere schritte. wie laut unser atem ist in der stille. ein regelmäßiges ja zum leben. wozu dann das winden, wenn es hinauf geht in die höhen, hinab in die abgründe? wer sagte, dass da kein gras mehr wüchse, war ein lügner und wusste es nicht besser.

auf lichtungen moosen wir uns die gedankenspiralen aus, bis die jahre knirschen im gehölz. wir runden uns. kleine, beherzte geste. streifen uns baumringe über. unsere bonbonpapierkronen verwachsen mit dem himmel, teilen wir uns die jahre in wolkenhappen ein. reiben uns schnee und regen, sonne und wind in die haut. wir grünen und welken und neigen unser haupt in demut.

wir eilen nicht mehr, sind baumzeitloses wilderweichen. sind der fels, den gott auf die erde warf. um uns herum rauschen die jahre und wir tauchen unsere hände hinein. sie finden sich und lösen sich wie wellen und ufer. wir rollen uns von der lichtung in die wasser. treiben mit, so buntbewegte fäden im lichtwellentanz und ruhen doch wie der abendsonnenstrahl in uns. mit den jahren tragen wir uns selbst und einander nicht nach.

schau, die seerose blüht. wenn wir nur ein leben lang eine blüte studierten und bewunderten, wir hätten genug getan.

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