auf dem feld versteckten sich zwischen störrischen grasbüscheln noch die stoppeln des sommerroggens. der boden war uneben und mit jedem schritt konnte batya in eines der löcher stolpern, das die hunde zur mäusejagd gegraben hatten.
konzentriert hob sie jeden fuß gegen den sturm an. wenn sie sich gegen ihn lehnte, hielten die böen sie einige sekunden. sie hatte sich warm eingepackt und doch knatterte der wind an ihren ohren wie fahnen. ein wind wie die fahnen am meer, der boden wie sie sich die tundra ausmalte. batyas sinne waren bis aufs äußerste geschärft.
keine liebliche stille, kein sanftes vogelzwitschern erfüllte sie. ein aufheulen in jeder neuen böe, das gras wisperte nicht, es raschelte wild. die windräder brummten sich in ihr gehirn, nur fünf sekunden brauchten sie für eine ganze umdrehung.
ihr war schwindelig. das war schon immer so, wenn der wind toste. als ob batya die drehung der erde spürte. wie schnell sie um sich wirbelte, nur einen tag brauchte sie für eine ganze umdrehung. sonst schaute batya gern den wildgansrufen hinterher, doch jetzt durfte sie ihren blick nicht heben. hätte sie den zug der wolken verfolgt, wäre sie hingefallen. wenn es stürmte, funktionierte ihr gleichgewichtssinn nicht mehr richtig.
die hunde preschten bald leichtfüßig vor ihr her, bald schlenderten sie neben ihr über das land, das wirkte, als sei es schon jahrhunderte unverändert. batya stapfte aufmerksam und erwartete, jeden augenblick eine jurte am horizont auftauchen zu sehen. eine traurigkeit hatte sich in ihr zahnfleisch gefressen. die sorte ohne namen. dann fiel ihr ein, dass die menschen sehr wohl einen namen dafür gefunden hatten. sie nannten das gefühl, das sie in ihrem zahnfleisch spürte, “vermissen”.
sie war sich nicht sicher, was es bedeutete. aber weil es sich in ihrem zahnfleisch befand, wusste sie, dass es ein tiefer schmerz war. batya war schon aus dem leben von vielen menschen gegangen und hatte sich von vielen verlassen lassen. das war nichts besonderes, es gehörte zum leben dazu. sie hatte bisher nie jemanden vermisst. doch jetzt vermisste sie, wie rosels augen im inneren der jurte geblitzt hatten. batya vermisste, zu sehen, wie frei rosels haar wippte, wie sie aufscheute, wie traurig ihre wangenknochen manchmal waren und wie klug ihre hände den menschen vom geheimnis erzählten.
batya konnte rosel neben sich atmen spüren. ihre beine waren länger als batyas. ihr schritte geschmeidig wie die eines wolfes, der hier zuhause war. rosel zog batya das halstuch vom mund, küsste sie ruhig und fest und nahm dann ihre hand. batya dachte, dass sie sicher den sturm in ihr spüren konnte und obwohl rosels körper eins mit der landschaft war, wusste batya, dass sie ebenso die drehung der welt spürte, wie sie selbst.
batya war stumm und lange hatten rosel und sie sich ohne ein wort alles sagen können, was wesentlich war. auch jetzt, wo rosel nicht mehr in ihrem leben war, war das unsichtbare band zwischen ihnen nicht zerschnitten. rosel wusste immer noch, wo batya zu finden war und begleitete sie in gedanken auf ihrem spaziergang. und batya wusste stets, wann rosel wachte und durch welche nacht sie ging.
zum ersten mal wünschte batya sich, sie könne sprechen. als sie rosel mit ihren augen gefragt hatte, wo die jurte wieder am horizont auftauchen würde, war rosel ihrem blick ausgewichen. sie hatte batyas hand losgelassen und war bald nur noch ein flimmern in der luft. wenn sie nur sprechen könnte, dann hätte batya auch rosels ohren gefragt. etwas in ihr verweigerte die vorstellung, dass es die jurte nicht mehr gab.
batya hätte gern das klare in rosels augen gesehen. aber abgewandte blicke verweigern die aussage und so wird aus einem wohltuenden schweigen ein totschweigen. ungewollt vielleicht, doch unweigerlich. die landschaft sah hier ewig gleich aus und bald wären alle spuren dieses spaziergangs als ein unbestimmbares detail in ihr aufgegangen.
der sturm um batya ließ nach und allmählich fand sie ihren gleichgewichtssinn wieder. sie wusste, dass es diese jurte noch gab, auch wenn ihr verstand anderes sagte. auch rosel zweifelte nicht daran, das spürte batya. aber keine von ihnen nahm einen stift in die hand und zeichnete die landkarte dorthin.
die hunde liefen voraus. sie fühlte den druck des abflauenden sturmes im rücken und in den kniekehlen. langsam drehte batya sich. nur ein leben brauchte sie für eine ganze umdrehung.

