"… in das grenzenlose zu mir zurück" (else lasker-schüler)

Archiv für Juli, 2012

an einem letzten sonntag im juli

grüner tee am morgen, ich trinke ihn in kleinen schlucken, schmecke jeden davon langsam, wie manche es mit wein tun würden. überhaupt tue ich alles so langsam, bis alle zeit im raum verschwimmt.

so viele regenpfützen auf diesem feldweg und rette sich, wer kann, ich springe in alle und spiele kapitän sturmhose. barfuß spüre ich jeden stein unter meinen fußsohlen und auch, dass es wie mit allem ist: es piekst. mal mehr, mal weniger, mal gar nicht, das war’s auch schon.

unser frühstück ist geschmückt, ich lache mit dem special agent, kose zwei hunde und zwei hunde kosen mich. dann fahre ich zurück von a nach b. spreche mit c und d, obwohl mir nach schweigen ist, aber die höflichkeit, die höflichkeit.

meine wohnung in ihrer neuen klarheit, ich muss mich erst mal setzen, lange und still. regen rauscht auf die blätter der kastanie vorm fenster und ich habe in diesem moment nie ein schöneres geräusch gehört. geschirrklappern, eine waschmaschine, ein staubsauger und ein musiker, dazu lichtspiel auf dem dach gegenüber, alles wunderschön und ich sitze immer noch so da.

früher hätte ich schon mindestens drei derweil geraucht. früher ist vor einer woche noch. ich habe schon beinahe vergessen, dass ich aufgehört habe, zu rauchen und kaffee zu trinken. aber bloß, weil ich auch beinahe vergessen habe, dass ich je geraucht und kaffee getrunken habe. ich habe dem die wichtigkeit genommen und deswegen auch nicht etwas, das man mit entzugserscheinungen bezeichnen könnte. es ist so weit weg wie der himalaya in mir ist. da und nicht da. das loslassen ist dieses mal so einfach, wie nie gedacht.

ich komme trotzdem an meine inneren grenzen, aber ich mache kein drama draus. dann bin ich halt da und meine grenzen sind auch da und während ich noch schaue, ist das leben weitergegangen und ich bin immer noch rauchfrei und immer noch da. es gibt nur zwei motive, zu handeln: aus angst oder aus liebe. die unterscheidung ist nicht immer leicht, die wahl jederzeit möglich. ich wähle die liebe, so oft ich nur kann und jedes mal, wenn ich das tue, spüre ich nur eins: ich kann alles leichter tragen, wie schwer es auch sei.

die ganzen vorteile als rauchfreier mensch, ich zähle sie mir nicht extra auf. ich habe nie gerne geraucht und es ist eh alles toll, ohne. das einzige, fällt mir ein, was schade ist, jetzt kann ich keine menschen mehr innig küssen, die rauchen. aber was soll’s, früher küssten mich auch keine, die rauchfrei leben. und überhaupt, küssen kann man mit so viel mehr als dem mund allein und darin liegt eine ganz wortlose freiheit.

dann lasse ich gedanken gedanken sein und schaue ich wieder so tief in alle dinge, bis mir fast schwindelig wird von all den paradoxen des seins und wie das alles so untrennbar zusammenhängt und wie das ganze universum nicht wäre, wenn es gelänge, nur ein einziges staubkorn zu zerstören und wie toll das ist, dass nichts zerstörbar ist. und dann schaue ich meinem geist dabei zu, wie er vor sich selbst in die knie geht und begreife, dass alle erbsen dieser welt mein gehirn sind und mein gehirn alle erbsen dieser welt.

dann bin ich wieder an dem punkt, an dem ich mich mit dem finger stuke, weil ich kaum fassen kann, dass da was in dieser form namens körper steckt, das sich selbst und alles wahrnimmt und wieso bloß nicht alles mit sich selbst verschmilzt, sofort, und wie ungeheuerlich das ist, dass dieses universum sich ohne unterlass neu erfindet.

das ist so unsagbar, dass ich nicht begreife, wie das gehen soll, immerzu in diesem gewahrsein, in dieser achtsamkeit zu leben. wie das gehen soll, dass ich nicht jederzeit in abermillionen teilchen zerspringe und dann ringe ich um fassung und bin zugleich so gefasst, wie nie. weil der berg aber nicht nur fluss, sondern auch berg und der fluss nicht nur berg, sondern auch fluss ist, esse ich etwas. vom brot, das duftet und dessen rinde kracht im mund und das süß schmeckt, wenn ich einen bissen lange kaue. dann spüle ich ab und bereite mir einen tee, während ich berg und fluss und etwas bin, das ich ist.

es gibt für mich heute nichts mehr zu tun, als anzukommen. das klingt wenig, ist aber die selbstgewählte aufgabe. weil ich das manchmal schwer aushalte, schreibe ich hier etwas. wenn ich damit fertig bin, sitze ich wieder einfach so da an diesem letzten sonntag im juli.

heimat

(für jm)

chez moiwie klar man haben kann, was der weg ist, wie beinahe trotzig man sich manchmal nicht über seine scheinbaren grenzen wagt — faszinosum mensch.

ich schrieb schon immer aus diesem oder jenem exil. als ich in mir heimat fand, verschwand das exil nicht, ich gab ihm nur klarere worte. was manches mal so unruhig greint mir in der brust, ich geb’s meiner seel‘ zum wiegen. akzeptiere, dass ich keinen berg zu erklimmen brauche, sondern nur den hügel weiter hochzugleiten.

ich verstand, dass sich etwas in mir immer mal wehren kann gegen das, was ist, und ich dennoch geborgen bin darin. dass ich mich wie ein trotziges kind im arm versteifen kann und es doch meine eigenen hände sind, die mich fest und bestimmt halten. die mich tragen, bis alle anspannung sich wieder löst. mit mich halten bis zum steinerweichen und allem aufbäumen darin gebe ich mich dem hin, was man leben nennt.

der große träumer nickt mir zu, schreib weiter, junge, schreib weiter. als ich ihn frage, was heimat ist, lacht er. dann sagt er: »frag‘ dich gefälligst selbst: „wer bin ich“?« ich muss grinsen. das beben, das greifen nach worten für das, was keine worte kennt, die furcht, mich im all-einen aufzulösen und davor, was das wohl bedeutete, alles wird leiser in mir. es ist nicht sofort weg, aber ich, ich bin da. ich sitze ganz ruhig inmitten einer vibrierenden kugel inmitten anderer vibrierender kugeln. staub fliegt auf, setzt sich und wirbelt wieder auf, nur um sich dann wieder zu setzen. so einfach ist das. ich brauche gar nicht selbst zu wirbeln. kann mich auflösen und auch nicht. so einfach ist das. und dann bin ich still.

manchmal schuckel ich meine kugel sogar, nur um zu sehen, wie ruhig ich dasitzen kann im schneestaubgestöber dieses universums. manchmal ditscht meine kugel an eine andere kugel, mal eine andere an meine. früher wankte ich dann so sehr, dass sich der staub nicht setzen konnte oder seinen weg zurück nicht fand, wenn er wieder aufgewirbelt war. dann drifteten die kugeln vom staub verweht wieder auseinander. manchmal begegneten sie sich auch wieder und blieben dann verbunden, weil sich beide gefragt haben, wer sie sind.

stoßen nun zwei kugeln aneinander und sitzen die in ihren kugeln schon gleich ruhig da, dann hat der staub von beginn an einen ort. da kann er drauf niedersinken, mit jedem wind hochsteigen und wieder zu ihm zurückkehren. da verweht nichts und verstellt die sicht. jetzt und hier sitze ich so hingegeben inmitten der kugel, dass ich zugleich an der liane rüber zu jane schwingen kann. ich bringe ihr zwei handvoll staubgemisch aus unser beider kugeln und sage: »ich heimat, du heimat.«

wenn wir dabei ganz still sind, können jane und ich den großen träumer mit uns lachen hören und schicken jeden gedanken mit einem „chattanooga choo choo“ zurück in den fluss.

vom loslassen

mut statt selbstbetrug

in diesem leben habe ich schon viel und viele loslassen müssen und habe mich deswegen immer für einen profi darin gehalten. nun sind die selbstlügen ja bekanntlich die hartnäckigsten und von heute aus betrachtet weiß ich, ich war so gar nicht gut im loslassen, dafür perfekt im verdrängen.

wir werden alle älter und mit glück gewinnen wir die erinnerung daran zurück, dass wir einmal mutig gewesen sind, damals, als kind. dann können wir im älter werden uns neu in diesem mut erleben. ich habe den nicht jederzeit und doch, es bessert, es bessert immerzu. die erinnerung an meinen mut habe ich wiedergefunden durch menschen, die bedingungslos an mich glauben oder geglaubt haben und wenn ich sage, dass ich ich diesen menschen auf ewig dankbar bin, so ist das nicht übertrieben. in der begegnung mit ihnen wagte ich, mir selbst und ganz allein zu begegnen.

als ich meinen mut wiederentdeckt hatte, einfach zu sein, ging es plötzlich, das mit dem loslassen. wie weit das reicht, das begreife ich erst jetzt so langsam. vier jahre psychoanalyse haben ihre spuren hinterlassen. zuerst habe ich das alte küchenbuffet weggegeben, in dem ich alles gehortet hatte, was man in bald 34 jahren so anhäufen kann. da saß ich nun in einer einraumwohnung mit feuchtem keller und muffiger kammer im treppenhaus. ich saß buchstäblich auf den bergen dessen, was ich glaubte, zu sein.

rückblickend kann ich nur sagen: ich verstehe, wieso menschen an dingen und erinnerungen hängen, weil ich es selbst tat und mit manchem noch immer tue. jeder hält es, wie er mag. ich weiß bloß, dass für mich persönlich dieses immer mehr loslassen der reinste segen ist und dass ich dankbar bin, diese erfahrung machen zu dürfen.
ich bin all das nicht, was ich anhäufte und woran ich mein herz hing.
ich bin. das ist alles.

ganz langsam im außen und innen

in den letzten anderthalb jahren habe ich mir mehr als ein mal gewünscht, einfach einen großen container und ein paar starke männer ordern zu können, die alles mitnehmen. ich würde nicht dabei sein und wenn ich wiederkäme, fände ich tabula rasa vor und könnte neu beginnen. das geld dazu hatte ich nie und heute bin ich froh darum.

es gab zeiten größten seelischen aufruhrs. zeiten, in denen ich mir das nicht eingestehen mochte und nach außen nur zeigte. ich war nicht mehr in der lage, aufzuräumen, abzuwaschen, zu putzen. hätte ich wen in meine wohnung gelassen außer meiner exfrau, hätte es nach zwei sekunden „messie, klare sache“ geheißen. ich wusste aber irgendwo in mir, dass das nicht stimmt. es war ganz einfach so, dass ich eine scheißangst hatte vor diesem loslassen. vor dem schmerz, dem ich mich dann zu stellen hätte. davor, alle illusionen loszulassen, wer ich sei.

viktor frankl hat mal gesagt, dass man sich auch von sich selbst nicht alles gefallen lassen müsse. irgendwann wurde es auch mir zu bunt mit mir, ich besann mich wieder meines mutes und begann, auszusortieren. da ich weiß, dass ich zu ungeduld neige, aber in wahrheit eine langsame seele bin, und da ich mir inzwischen genug selbstliebe gönnte, ging das alles ganz langsam und in vielen etappen.

ich habe es in dieser zeit oft geradezu gehasst, dass die berge scheinbar nicht weniger wurden. dass ich nicht einfach freunden die tür hätte öffnen können, hätten sie denn geklingelt, ohne mich zu schämen.
ganz manchmal habe ich menschen hereingelassen und es bis auf eine handvoll eher bereut. ich war noch nicht soweit und habe mich damit nur überfordert.

es war und ist eine große herausforderung für mich, mit mir selbst behutsam zu sein. da gibt es auch die radikale seite in mir, die ganz asketisch leben möchte. mein ganzes hab und gut soll dann gefälligst in einen wanderrucksack passen. damit ich jederzeit aufbrechen könnte, um den uralsee zu wandern oder ohne geld durch deutschland zu laufen und mir den lebensunterhalt mit meinen texten zu verdienen, die ich dann in den fußgängerzonen anbiete. es gibt diese seite in mir, die vom überfluss unserer westlichen welt mehr als erschöpft ist.

und es gibt die andere seite in mir, die jeden kleinen luxus zu schätzen weiß. die nicht missen möchte, das hier jetzt ins internet schreiben zu können, von daheim aus. die seite, die sagt, dass es ok ist, mehr zu haben, als man braucht. nur, wie viel mehr? das war die frage, die immer wieder auftauchte und deren antwort sich in den letzten anderthalb jahren immerzu verändert hat.

tischlein, leer dich

im grunde hieß sie: immer neu immer weniger. von rund 2.500 büchern habe ich bis auf 100 alle gespendet (die ungelesenen zählen nicht, die werden danach auch verschenkt). die meisten geschenkten möbel habe ich ebenso weitergespendet. alle cds sind fort, ich besitze nur noch 8 dvds. fast alle kuscheltiere haben neue kinder gefunden, die sie lieben. eine einraumwohnung fordert geradezu heraus, sich zu beschränken, wenn man, wie ich, wert auf klarheit legt. meine steinesammlung wird bis auf wenige stücke im garten meiner exfrau ausgewildert. sollten mal mehr als vier personen zu besuch kommen, werden sie eben nicht von porzellantellern essen. die alten briefe, ich brauche sie nicht. was ich für die menschen empfinde, die sie mir schrieben, das vergesse ich eh nicht. dekoration, spielzeug, bis auf weniges alles weg.

es gab so vieles, von dem ich mir früher nie vorstellen konnte, es loszulassen. manchmal brauchte ich pausen von einigen wochen oder gar monaten, bis ich mich wieder traute, noch einen schritt weiterzugehen, bis ich wusste, dass ich nicht an dingen hänge und auch nicht hängen möchte. all die notizen, alte tagebücher und kalender, alles, was ich schrieb, bevor ich einen rechner hatte. weg, weg, weg. nicht, weil es nichts wert wäre, sondern, weil ich es nicht mehr brauche, um zu wissen, dass ich bin.

das loslassen zieht sich in viele bereiche meines lebens, es bleibt nicht stehen. zum ersten mal renoviere ich eine wohnung, in der ich länger als fünf jahre lebe. nur noch die küche fehlt und die fenster, die türen wollen auch noch neu lackiert werden. aber sonst kann man inzwischen sagen, dass hier wer sehr gerne lebt und seine wohnung lieb hat, sie zu einem heim gemacht hat. die äußere klarheit tut natürlich ihr übriges für die innere klarheit, aber da erzähle ich ja nichts neues.

endlich bleiben

ich wollte nie irgendwo bleiben. noch vor kurzem wollte ich nichts lieber als fort aus berlin. auch das habe ich derzeit losgelassen. wenn ich in mir zuhause bin, dann ist es egal, wo ich bin und dann kann ich genauso gut da bleiben, wo menschen leben, die ich liebe. mit so wenig gepäck wie möglich zwar, das brauche ich so, aber bleiben, das möchte ich zum ersten mal im leben. und berlin, große liebe zwischen uns ist das auch heute noch nicht, aber was macht das schon. ich habe verstanden, dass nicht diese stadt mich kaputt machte. das war ich ganz hübsch allein. jetzt schließe ich frieden mit ihr, mit ihren lauten menschen. ich bin ja teil davon und kann so still darin sein, wie ich möchte. mir schreibt ja keiner was vor. und wenn ich jetzt das haus verlasse, dann lasse ich die kopfhörer zu hause und lächle lieber mal menschen an und siehe da, es wirkt wunder.

herkunft

loslassen heißt auch, mich meiner vergangenheit zu stellen. zu anfang dachte ich, ich müsse daran sterben. zu anfang heißt, viele jahre lang. in den letzen beiden jahren habe ich wenigstens ab und zu schon mal verstanden, dass kämpfen nichts bringt und dass es darum geht, zu kapitulieren. wohlgemerkt nicht, aufzugeben. aber die waffen zu strecken, mich hinzugeben an das, was ist.

dann geschehen wunder. eine weile lang heulte ich nicht weniger bitterlich und dachte, ich bekäme keine luft mehr, wenn mich erinnerungen überfluteten. auch heute noch kann das geschehen. aber je öfter ich mich allem stellte, was sich mir zeigen wollte, desto mehr verlor es seinen schrecken. ich atmete ja weiter, ich hörte irgendwann wieder auf, zu weinen. ich war einfach immer noch da.

früher haben mir bestimmte tage im jahr schreckliche furcht bereitet. heute registriere ich nur noch: aha, das und das datum, das bedeutet ein paar tage schlechteren schlaf, mehr schmerzen und etwas angespanntheit, aber das ist auch schon alles. es gibt schlimmeres. und an manchen dieser tage ist es sogar schon ein tag wie jeder andere auch.

heute kann ich bilder meiner herkunftsfamilie anschauen, ohne, dass ich zornig werde. im gegenteil, heute bin ich voller mitgefühl, weil ich sehe, wie viel schmerz in dieser familie angehäuft worden ist. ich muss diese menschen deswegen nicht wieder in mein leben lassen, aber ich kann endlich verzeihen. wenn ich es mal vergesse, dann erinnere ich mich meist schon stunden später wieder daran. und überhaupt brauche ich die meisten photos nicht mal aufzubewahren, um mich ans verzeihen zu erinnern.

finanzen und beruf

loslassen bedeutet auch, zu akzeptieren, dass ich noch eine weile lang an der privatinsolvenz (will ich keinesfalls) entlangschrabben werde, weil ich nicht arbeitsfähig im klassischen sinne bin. weil das plattenerbe, das mich von all dem befreit hätte, in besagtem keller war, bevor ich wusste, dass er feucht ist. weil ich mir den luxus erlaube, meiner seele alle zeit zu geben, die sie braucht, um sich zu erinnern, dass sie heile ist. weil mein körper noch länger als meine seele braucht und nicht so funktionstüchtig ist, wie man es in meinem alter erwarten könnte. loslassen ist auch, dass es mir jeden tag so gehen darf, wie es mir geht, mit viel oder mit wenig schmerzen. dass die linke hand wochenlang taub sein darf, ohne, dass ich gleich zum arzt gehe, weil ich keine lust auf die wahrscheinliche op habe und einfach trotzdem zu tun, was eben geht. dann tippe ich diesen text eben in zeitlupe.

loslassen heißt, nach jahren des aufbäumens dagegen endlich der aufforderung von seiten der ämter nachzukommen und einen antrag auf erwerbsminderungsrente und schwerbehinderung zu stellen. und dennoch zu wissen, dass ich nicht weniger bin, wenn ich doch nicht den doktortitel nach hause bringe. wozu auch, ich habe meine wände lieber frei.

kontakte, freundschaft und liebe

und weil das noch nicht alles ist, bedeutet loslassen auch, mir zu erlauben, menschen in mein leben zu lassen und zu spüren, ob sie mir gut tun und falls nicht, sie dann wieder fortzuschicken. es bedeutet, vertrauen zu üben. mir das recht zuzugestehen, mich in menschen täuschen zu dürfen und dann neue wege zu gehen. es bedeutet auch, mir endlich langsamkeit zu gönnen darin, kontakte aufzubauen oder zu vertiefen. dann zu schreiben, wenn ich die kraft dafür habe und nicht, wenn ich denke, ich sollte. zu vertrauen, dass die menschen, die ich mag, damit können.

es heißt auch, lieber alleine zu sein und mich zu genießen, als eine liebesbeziehung zu wollen, in der eine oder beide nicht bereit sind, sich dem prozess des liebens und liebeannehmens hinzugeben. projektionen und wünsche zuzulassen, aber sie nicht zu zementieren, sondern zu prüfen und wieder loszulassen. es bedeutet, mich nicht mehr nach jemandem zu sehnen, der mich nicht will oder nicht wollen kann.

es bedeutet auch, der liebe einlass zu gewähren, wenn sie sich zeigt an orten, wo ich sie nicht mal vermutet hätte. ihr bedingungslos alle räume in mir zu öffnen und ihr nicht vorzuschreiben, welches gesicht sie haben soll.

berufung: einfach sein, in jeder bedeutung

loslassen ist, immer mehr eigenverantwortung für mich zu übernehmen. dazu zu stehen, dass ich nichts als schreiben will und genau das auch zu tun. von twitter in der form, wie ich es kannte, weg zu sein und meine tage anders zu füllen oder gar nicht zu füllen, weil nichts sein muss. es heißt, daran zu glauben, dass es schon noch ein buch von mir geben wird. dann, wenn es soweit ist. und dass es ebenso in ordnung wäre, verbrächte ich mein leben damit, der kastanie vorm fenster dabei zuzuschauen, wie sie sich wiegt.

zu guter letzt heißt loslassen für mich auch, immer präziser zu werden. mit hingabe und konzentration das zu tun, was anliegt, einfach zu sein und weniger zu wollen. begierden, wünschen, gefühlen nicht mehr bedeutung zu geben, als notwendig. keine bange zu haben, da alles nur momentaufnahmen. zu akzeptieren, was nicht oder noch nicht geht. mich selbst immer neu behutsam an meine grenzen zu führen und mir zu sagen:
schau, diese hürden wirst du auch noch schaffen und wenn nicht, dann liebe ich dich genauso wie jetzt.

wenn ich etwas sagen müsste,

dann würde ich sagen, dass turmaline verschiedene farben haben, je nachdem, aus welchem blickwinkel wir sie betrachten. dann würde ich schweigen und lange mit den händen im gedankenfluss fischen.

ich würde einiges hochholen: den leckstein von der wilden wiese, diverse scherben aus glas und porzellan, einen schuh, der nicht passt, diese kiste, sicher voll pappmaschee aus nie geschriebenen zeilen. den zauberwürfel, selbstverständlich ungelöst, die selbstgeschnitzte flitsche aus kindertagen, tiefe blicke und manche hand, die meine einst hielt. noch den klang des liedes im ohr (wie heißt es noch gleich?), würde ich alles in meinen händen drehen und wenden und es maude gleich zurückwerfen in die wasser.
ich bin reich beschenkt und weiß, wo das ist, was ich losgelassen.

vielleicht würde ich manchen zu lange schweigen, ich schweife dabei immer so ab in mir und komme der welt doch nie abhanden.
eine alte gabel, sicher kein silber — aber schön — , liegt im weg am fluss. nicht mehr auf, dafür liegt sie zu lange da, dafür ging zu viel schon den weg entlang. ganz eingebettet liegt sie da, wo sie nicht hingehört und doch. so ist das mit mir und der welt, würde ich denken und schon würde der gedanke zu den anderen zurück in den fluss plumpsen.

wenn ich dann immer noch etwas sagen müsste, würde ich sagen, dass jeder einen eigenen púca in sich trägt, der alle weisheit zu erinnern vermag. und dass schwanengesänge nicht in jedem fall von einem ende künden, aber immer von wandlung. zum schluss würde ich noch sagen, dass mit den jahren das ja dazu wächst, dass alles kommt und geht und der wunsch, dass etwas bliebe, begreift, dass er sich stets erfüllt. und da ich ja nichts sagen muss, bin ich so frei, es zu tun.

dann schweige ich wieder und fische manchmal mit den händen im fluss und schweife sehr weit ab in mir und wohl noch eine weile lächle ich mit einer träne im augenwinkel, denn dualitäten sind aus.

~
ein gefäß bin ich
ob aus steinzeug aus kristall
weiß nur der mich leert und füllt
der über den rand schwappt
was früchten gleicht

~
brich mit mir die sprache auf
wie granatapfelkerne dann
liegt es in unserer hand

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