"… in das grenzenlose zu mir zurück" (else lasker-schüler)

vom loslassen

mut statt selbstbetrug

in diesem leben habe ich schon viel und viele loslassen müssen und habe mich deswegen immer für einen profi darin gehalten. nun sind die selbstlügen ja bekanntlich die hartnäckigsten und von heute aus betrachtet weiß ich, ich war so gar nicht gut im loslassen, dafür perfekt im verdrängen.

wir werden alle älter und mit glück gewinnen wir die erinnerung daran zurück, dass wir einmal mutig gewesen sind, damals, als kind. dann können wir im älter werden uns neu in diesem mut erleben. ich habe den nicht jederzeit und doch, es bessert, es bessert immerzu. die erinnerung an meinen mut habe ich wiedergefunden durch menschen, die bedingungslos an mich glauben oder geglaubt haben und wenn ich sage, dass ich ich diesen menschen auf ewig dankbar bin, so ist das nicht übertrieben. in der begegnung mit ihnen wagte ich, mir selbst und ganz allein zu begegnen.

als ich meinen mut wiederentdeckt hatte, einfach zu sein, ging es plötzlich, das mit dem loslassen. wie weit das reicht, das begreife ich erst jetzt so langsam. vier jahre psychoanalyse haben ihre spuren hinterlassen. zuerst habe ich das alte küchenbuffet weggegeben, in dem ich alles gehortet hatte, was man in bald 34 jahren so anhäufen kann. da saß ich nun in einer einraumwohnung mit feuchtem keller und muffiger kammer im treppenhaus. ich saß buchstäblich auf den bergen dessen, was ich glaubte, zu sein.

rückblickend kann ich nur sagen: ich verstehe, wieso menschen an dingen und erinnerungen hängen, weil ich es selbst tat und mit manchem noch immer tue. jeder hält es, wie er mag. ich weiß bloß, dass für mich persönlich dieses immer mehr loslassen der reinste segen ist und dass ich dankbar bin, diese erfahrung machen zu dürfen.
ich bin all das nicht, was ich anhäufte und woran ich mein herz hing.
ich bin. das ist alles.

ganz langsam im außen und innen

in den letzten anderthalb jahren habe ich mir mehr als ein mal gewünscht, einfach einen großen container und ein paar starke männer ordern zu können, die alles mitnehmen. ich würde nicht dabei sein und wenn ich wiederkäme, fände ich tabula rasa vor und könnte neu beginnen. das geld dazu hatte ich nie und heute bin ich froh darum.

es gab zeiten größten seelischen aufruhrs. zeiten, in denen ich mir das nicht eingestehen mochte und nach außen nur zeigte. ich war nicht mehr in der lage, aufzuräumen, abzuwaschen, zu putzen. hätte ich wen in meine wohnung gelassen außer meiner exfrau, hätte es nach zwei sekunden „messie, klare sache“ geheißen. ich wusste aber irgendwo in mir, dass das nicht stimmt. es war ganz einfach so, dass ich eine scheißangst hatte vor diesem loslassen. vor dem schmerz, dem ich mich dann zu stellen hätte. davor, alle illusionen loszulassen, wer ich sei.

viktor frankl hat mal gesagt, dass man sich auch von sich selbst nicht alles gefallen lassen müsse. irgendwann wurde es auch mir zu bunt mit mir, ich besann mich wieder meines mutes und begann, auszusortieren. da ich weiß, dass ich zu ungeduld neige, aber in wahrheit eine langsame seele bin, und da ich mir inzwischen genug selbstliebe gönnte, ging das alles ganz langsam und in vielen etappen.

ich habe es in dieser zeit oft geradezu gehasst, dass die berge scheinbar nicht weniger wurden. dass ich nicht einfach freunden die tür hätte öffnen können, hätten sie denn geklingelt, ohne mich zu schämen.
ganz manchmal habe ich menschen hereingelassen und es bis auf eine handvoll eher bereut. ich war noch nicht soweit und habe mich damit nur überfordert.

es war und ist eine große herausforderung für mich, mit mir selbst behutsam zu sein. da gibt es auch die radikale seite in mir, die ganz asketisch leben möchte. mein ganzes hab und gut soll dann gefälligst in einen wanderrucksack passen. damit ich jederzeit aufbrechen könnte, um den uralsee zu wandern oder ohne geld durch deutschland zu laufen und mir den lebensunterhalt mit meinen texten zu verdienen, die ich dann in den fußgängerzonen anbiete. es gibt diese seite in mir, die vom überfluss unserer westlichen welt mehr als erschöpft ist.

und es gibt die andere seite in mir, die jeden kleinen luxus zu schätzen weiß. die nicht missen möchte, das hier jetzt ins internet schreiben zu können, von daheim aus. die seite, die sagt, dass es ok ist, mehr zu haben, als man braucht. nur, wie viel mehr? das war die frage, die immer wieder auftauchte und deren antwort sich in den letzten anderthalb jahren immerzu verändert hat.

tischlein, leer dich

im grunde hieß sie: immer neu immer weniger. von rund 2.500 büchern habe ich bis auf 100 alle gespendet (die ungelesenen zählen nicht, die werden danach auch verschenkt). die meisten geschenkten möbel habe ich ebenso weitergespendet. alle cds sind fort, ich besitze nur noch 8 dvds. fast alle kuscheltiere haben neue kinder gefunden, die sie lieben. eine einraumwohnung fordert geradezu heraus, sich zu beschränken, wenn man, wie ich, wert auf klarheit legt. meine steinesammlung wird bis auf wenige stücke im garten meiner exfrau ausgewildert. sollten mal mehr als vier personen zu besuch kommen, werden sie eben nicht von porzellantellern essen. die alten briefe, ich brauche sie nicht. was ich für die menschen empfinde, die sie mir schrieben, das vergesse ich eh nicht. dekoration, spielzeug, bis auf weniges alles weg.

es gab so vieles, von dem ich mir früher nie vorstellen konnte, es loszulassen. manchmal brauchte ich pausen von einigen wochen oder gar monaten, bis ich mich wieder traute, noch einen schritt weiterzugehen, bis ich wusste, dass ich nicht an dingen hänge und auch nicht hängen möchte. all die notizen, alte tagebücher und kalender, alles, was ich schrieb, bevor ich einen rechner hatte. weg, weg, weg. nicht, weil es nichts wert wäre, sondern, weil ich es nicht mehr brauche, um zu wissen, dass ich bin.

das loslassen zieht sich in viele bereiche meines lebens, es bleibt nicht stehen. zum ersten mal renoviere ich eine wohnung, in der ich länger als fünf jahre lebe. nur noch die küche fehlt und die fenster, die türen wollen auch noch neu lackiert werden. aber sonst kann man inzwischen sagen, dass hier wer sehr gerne lebt und seine wohnung lieb hat, sie zu einem heim gemacht hat. die äußere klarheit tut natürlich ihr übriges für die innere klarheit, aber da erzähle ich ja nichts neues.

endlich bleiben

ich wollte nie irgendwo bleiben. noch vor kurzem wollte ich nichts lieber als fort aus berlin. auch das habe ich derzeit losgelassen. wenn ich in mir zuhause bin, dann ist es egal, wo ich bin und dann kann ich genauso gut da bleiben, wo menschen leben, die ich liebe. mit so wenig gepäck wie möglich zwar, das brauche ich so, aber bleiben, das möchte ich zum ersten mal im leben. und berlin, große liebe zwischen uns ist das auch heute noch nicht, aber was macht das schon. ich habe verstanden, dass nicht diese stadt mich kaputt machte. das war ich ganz hübsch allein. jetzt schließe ich frieden mit ihr, mit ihren lauten menschen. ich bin ja teil davon und kann so still darin sein, wie ich möchte. mir schreibt ja keiner was vor. und wenn ich jetzt das haus verlasse, dann lasse ich die kopfhörer zu hause und lächle lieber mal menschen an und siehe da, es wirkt wunder.

herkunft

loslassen heißt auch, mich meiner vergangenheit zu stellen. zu anfang dachte ich, ich müsse daran sterben. zu anfang heißt, viele jahre lang. in den letzen beiden jahren habe ich wenigstens ab und zu schon mal verstanden, dass kämpfen nichts bringt und dass es darum geht, zu kapitulieren. wohlgemerkt nicht, aufzugeben. aber die waffen zu strecken, mich hinzugeben an das, was ist.

dann geschehen wunder. eine weile lang heulte ich nicht weniger bitterlich und dachte, ich bekäme keine luft mehr, wenn mich erinnerungen überfluteten. auch heute noch kann das geschehen. aber je öfter ich mich allem stellte, was sich mir zeigen wollte, desto mehr verlor es seinen schrecken. ich atmete ja weiter, ich hörte irgendwann wieder auf, zu weinen. ich war einfach immer noch da.

früher haben mir bestimmte tage im jahr schreckliche furcht bereitet. heute registriere ich nur noch: aha, das und das datum, das bedeutet ein paar tage schlechteren schlaf, mehr schmerzen und etwas angespanntheit, aber das ist auch schon alles. es gibt schlimmeres. und an manchen dieser tage ist es sogar schon ein tag wie jeder andere auch.

heute kann ich bilder meiner herkunftsfamilie anschauen, ohne, dass ich zornig werde. im gegenteil, heute bin ich voller mitgefühl, weil ich sehe, wie viel schmerz in dieser familie angehäuft worden ist. ich muss diese menschen deswegen nicht wieder in mein leben lassen, aber ich kann endlich verzeihen. wenn ich es mal vergesse, dann erinnere ich mich meist schon stunden später wieder daran. und überhaupt brauche ich die meisten photos nicht mal aufzubewahren, um mich ans verzeihen zu erinnern.

finanzen und beruf

loslassen bedeutet auch, zu akzeptieren, dass ich noch eine weile lang an der privatinsolvenz (will ich keinesfalls) entlangschrabben werde, weil ich nicht arbeitsfähig im klassischen sinne bin. weil das plattenerbe, das mich von all dem befreit hätte, in besagtem keller war, bevor ich wusste, dass er feucht ist. weil ich mir den luxus erlaube, meiner seele alle zeit zu geben, die sie braucht, um sich zu erinnern, dass sie heile ist. weil mein körper noch länger als meine seele braucht und nicht so funktionstüchtig ist, wie man es in meinem alter erwarten könnte. loslassen ist auch, dass es mir jeden tag so gehen darf, wie es mir geht, mit viel oder mit wenig schmerzen. dass die linke hand wochenlang taub sein darf, ohne, dass ich gleich zum arzt gehe, weil ich keine lust auf die wahrscheinliche op habe und einfach trotzdem zu tun, was eben geht. dann tippe ich diesen text eben in zeitlupe.

loslassen heißt, nach jahren des aufbäumens dagegen endlich der aufforderung von seiten der ämter nachzukommen und einen antrag auf erwerbsminderungsrente und schwerbehinderung zu stellen. und dennoch zu wissen, dass ich nicht weniger bin, wenn ich doch nicht den doktortitel nach hause bringe. wozu auch, ich habe meine wände lieber frei.

kontakte, freundschaft und liebe

und weil das noch nicht alles ist, bedeutet loslassen auch, mir zu erlauben, menschen in mein leben zu lassen und zu spüren, ob sie mir gut tun und falls nicht, sie dann wieder fortzuschicken. es bedeutet, vertrauen zu üben. mir das recht zuzugestehen, mich in menschen täuschen zu dürfen und dann neue wege zu gehen. es bedeutet auch, mir endlich langsamkeit zu gönnen darin, kontakte aufzubauen oder zu vertiefen. dann zu schreiben, wenn ich die kraft dafür habe und nicht, wenn ich denke, ich sollte. zu vertrauen, dass die menschen, die ich mag, damit können.

es heißt auch, lieber alleine zu sein und mich zu genießen, als eine liebesbeziehung zu wollen, in der eine oder beide nicht bereit sind, sich dem prozess des liebens und liebeannehmens hinzugeben. projektionen und wünsche zuzulassen, aber sie nicht zu zementieren, sondern zu prüfen und wieder loszulassen. es bedeutet, mich nicht mehr nach jemandem zu sehnen, der mich nicht will oder nicht wollen kann.

es bedeutet auch, der liebe einlass zu gewähren, wenn sie sich zeigt an orten, wo ich sie nicht mal vermutet hätte. ihr bedingungslos alle räume in mir zu öffnen und ihr nicht vorzuschreiben, welches gesicht sie haben soll.

berufung: einfach sein, in jeder bedeutung

loslassen ist, immer mehr eigenverantwortung für mich zu übernehmen. dazu zu stehen, dass ich nichts als schreiben will und genau das auch zu tun. von twitter in der form, wie ich es kannte, weg zu sein und meine tage anders zu füllen oder gar nicht zu füllen, weil nichts sein muss. es heißt, daran zu glauben, dass es schon noch ein buch von mir geben wird. dann, wenn es soweit ist. und dass es ebenso in ordnung wäre, verbrächte ich mein leben damit, der kastanie vorm fenster dabei zuzuschauen, wie sie sich wiegt.

zu guter letzt heißt loslassen für mich auch, immer präziser zu werden. mit hingabe und konzentration das zu tun, was anliegt, einfach zu sein und weniger zu wollen. begierden, wünschen, gefühlen nicht mehr bedeutung zu geben, als notwendig. keine bange zu haben, da alles nur momentaufnahmen. zu akzeptieren, was nicht oder noch nicht geht. mich selbst immer neu behutsam an meine grenzen zu führen und mir zu sagen:
schau, diese hürden wirst du auch noch schaffen und wenn nicht, dann liebe ich dich genauso wie jetzt.

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Kommentare zu: "vom loslassen" (5)

  1. […] ….und dann schreibt mir jemand aus der seele: vom loslassen […]

  2. quadratmeter schrieb:

    .

  3. Anika schrieb:

    Danke.

  4. Armin schrieb:

    Lilith heilt …. welche freude !

    durch dein mit – teilen schenkst du auch mir
    ein wenig mut zum heilsamen loslassen.

    danke dir dafür.

  5. _/|\_ euch allen.

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