"… in das grenzenlose zu mir zurück" (else lasker-schüler)

grüner tee am morgen, ich trinke ihn in kleinen schlucken, schmecke jeden davon langsam, wie manche es mit wein tun würden. überhaupt tue ich alles so langsam, bis alle zeit im raum verschwimmt.

so viele regenpfützen auf diesem feldweg und rette sich, wer kann, ich springe in alle und spiele kapitän sturmhose. barfuß spüre ich jeden stein unter meinen fußsohlen und auch, dass es wie mit allem ist: es piekst. mal mehr, mal weniger, mal gar nicht, das war’s auch schon.

unser frühstück ist geschmückt, ich lache mit dem special agent, kose zwei hunde und zwei hunde kosen mich. dann fahre ich zurück von a nach b. spreche mit c und d, obwohl mir nach schweigen ist, aber die höflichkeit, die höflichkeit.

meine wohnung in ihrer neuen klarheit, ich muss mich erst mal setzen, lange und still. regen rauscht auf die blätter der kastanie vorm fenster und ich habe in diesem moment nie ein schöneres geräusch gehört. geschirrklappern, eine waschmaschine, ein staubsauger und ein musiker, dazu lichtspiel auf dem dach gegenüber, alles wunderschön und ich sitze immer noch so da.

früher hätte ich schon mindestens drei derweil geraucht. früher ist vor einer woche noch. ich habe schon beinahe vergessen, dass ich aufgehört habe, zu rauchen und kaffee zu trinken. aber bloß, weil ich auch beinahe vergessen habe, dass ich je geraucht und kaffee getrunken habe. ich habe dem die wichtigkeit genommen und deswegen auch nicht etwas, das man mit entzugserscheinungen bezeichnen könnte. es ist so weit weg wie der himalaya in mir ist. da und nicht da. das loslassen ist dieses mal so einfach, wie nie gedacht.

ich komme trotzdem an meine inneren grenzen, aber ich mache kein drama draus. dann bin ich halt da und meine grenzen sind auch da und während ich noch schaue, ist das leben weitergegangen und ich bin immer noch rauchfrei und immer noch da. es gibt nur zwei motive, zu handeln: aus angst oder aus liebe. die unterscheidung ist nicht immer leicht, die wahl jederzeit möglich. ich wähle die liebe, so oft ich nur kann und jedes mal, wenn ich das tue, spüre ich nur eins: ich kann alles leichter tragen, wie schwer es auch sei.

die ganzen vorteile als rauchfreier mensch, ich zähle sie mir nicht extra auf. ich habe nie gerne geraucht und es ist eh alles toll, ohne. das einzige, fällt mir ein, was schade ist, jetzt kann ich keine menschen mehr innig küssen, die rauchen. aber was soll’s, früher küssten mich auch keine, die rauchfrei leben. und überhaupt, küssen kann man mit so viel mehr als dem mund allein und darin liegt eine ganz wortlose freiheit.

dann lasse ich gedanken gedanken sein und schaue ich wieder so tief in alle dinge, bis mir fast schwindelig wird von all den paradoxen des seins und wie das alles so untrennbar zusammenhängt und wie das ganze universum nicht wäre, wenn es gelänge, nur ein einziges staubkorn zu zerstören und wie toll das ist, dass nichts zerstörbar ist. und dann schaue ich meinem geist dabei zu, wie er vor sich selbst in die knie geht und begreife, dass alle erbsen dieser welt mein gehirn sind und mein gehirn alle erbsen dieser welt.

dann bin ich wieder an dem punkt, an dem ich mich mit dem finger stuke, weil ich kaum fassen kann, dass da was in dieser form namens körper steckt, das sich selbst und alles wahrnimmt und wieso bloß nicht alles mit sich selbst verschmilzt, sofort, und wie ungeheuerlich das ist, dass dieses universum sich ohne unterlass neu erfindet.

das ist so unsagbar, dass ich nicht begreife, wie das gehen soll, immerzu in diesem gewahrsein, in dieser achtsamkeit zu leben. wie das gehen soll, dass ich nicht jederzeit in abermillionen teilchen zerspringe und dann ringe ich um fassung und bin zugleich so gefasst, wie nie. weil der berg aber nicht nur fluss, sondern auch berg und der fluss nicht nur berg, sondern auch fluss ist, esse ich etwas. vom brot, das duftet und dessen rinde kracht im mund und das süß schmeckt, wenn ich einen bissen lange kaue. dann spüle ich ab und bereite mir einen tee, während ich berg und fluss und etwas bin, das ich ist.

es gibt für mich heute nichts mehr zu tun, als anzukommen. das klingt wenig, ist aber die selbstgewählte aufgabe. weil ich das manchmal schwer aushalte, schreibe ich hier etwas. wenn ich damit fertig bin, sitze ich wieder einfach so da an diesem letzten sonntag im juli.

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Kommentare zu: "an einem letzten sonntag im juli" (1)

  1. cosima1973 schrieb:

    Gelesen, mich wieder gefunden. Die Suche nach den stillen Momenten, die man sich abzwackt vom Leben in Lärm und Gesellschaft. Das langsame Zerfliessen der Zeit, während die Gedanken fliessen. Das Schreiben, um der Gedanken und des Lebens Herr zu werden. Danke für die Zeilen, danke für den Text!

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