"… in das grenzenlose zu mir zurück" (else lasker-schüler)

Archiv für August, 2012

von witzen und zärtlichkeit

meine sicht der dinge. kann man auch so oder ähnlich sehen, muss man selbstverständlich nicht.

wie witze auf twitter funktionieren

der unterschied zwischen sprüchen auf twitter und den blöden phänomenen in kneipen oder bei familienfeiern ist nicht nur winzig, er ist oft gar nicht vorhanden. zoten, dissen, lästern, jammern, das kommt gut an, wird gern mit 50ern oder 100ern banaler sternchen scheingeadelt.

wer da nicht lacht, wo alle lachen, der ist halt ein moralischer spießer. das sagt man dann laut und bekommt noch ein paar schulterklopfer dazu. die extra-locker-flockig-lässigen, berufsmäßigen „get a life, it’s just twitter“-rufer sind dann auch nicht mehr weit. twitter ist gefälligt nie ernstzunehmen, alles nur ein riesengroßer spaßhaufen hier, das richtige leben findet woanders statt. wer sich getroffen fühlt, kann ja weglesen, egal, mit wie vielen rt einem mancher scheiß in die eigene tl gespült wird.

spätestens jetzt muss auch ich lachen. solche argumente kommen von menschen, die sich des applauses anderer gewiss sind. die vielleicht auch keine oder kaum persönliche bindungen über dieses  – achtung! – soziale netzwerk zulassen. es sind argumente, die alles glatt- und niederbügeln und eine sachliche auseinandersetzung schier unmöglich machen wollen. logisch, denn es ist ja nur twitter, ich vergaß.

witze fordern gruppenzugehörigkeit oder setzen sie voraus, sei es, indem sie sie überhaupt erst konstruieren. das machen menschen so, diese herdentiere, die sich gern als einsame inseln stilisieren. gruppenprozesse sind faszinierend und für mich oft einfach nur ätzend. ätzend wird es dann, wenn gruppen oder einzelne für sich freiheiten reklamieren und sie anderen gruppen oder einzelnen nicht zugestehen wollen.

da schreibt z.b. jemand den gefühlt millionsten ach-so-witzigen spruch über dicke frauen. er bekommt reaktionen, wie unpassend das sei und löscht den tweet oder auch nicht. oft schiebt er etwas pikiertes auf die reaktion hinterher, das wieder auf die bewitzelte gruppe eindrischt und den kommentatoren direkt oder indirekt moralapostelhaftigkeit oder schlicht humorlosigkeit unterstellt. manche kommentatoren wiederum wahren ebenfalls keinen anstand in der weise, wie sie auf den witz reagieren. in der form und mit diversen themen täglich mehrfach auf twitter zu lesen, ich schenke mir konkrete beispiele, diese erfahrung zu belegen.

witzbeispiele

es gibt viele, die nichts dabei finden, witze über alles und jeden zu machen. egal, wie ausgelutscht ein witzthema ist, das menschliche unbewusste zeigt schon, wo der hammer hängt. witze über primäre und sekundäre geschlechtsmerkmale sind für viele erwachsene immer noch genauso „hihi!“ wie zu kinder- und pubertätszeiten. mensch ist aufgeklärt und mit medialem sexverständnis zugedröhnt, aber je lauter er schreit, wie unverkrampft er mit all dem umgehen könne, desto weniger bin ich geneigt, ihm das zu glauben.

dagegen haben die ebenfalls millionenfachen behauptungen, wie sehr man sich mit alkohol zuschütte und sein leben, das oft scheiße sei, aber man habe alles wunderbarstens im griff, noch richtiggehend charme und vor allem selbstironie. nur mit dem verstehen, dass man einsamkeitsgefühle nicht mit dem warten auf mr. und ms. right, die es nicht gibt, loswird und einen niemand retten wird außer man selbst, hapert es zuweilen. aber da hat jeder sein eigenes lerntempo und das braucht auch sogar viel mut, zu zeigen, dass man den mut, illusionen loszulassen, noch nicht hat und dazu zu stehen, was man sich grad erträumt. das dann auch noch humorvoll zu verpacken, chapeau. da habe ich hochachtung, auch wenn mir vieles von dem beschriebenen im eigenen leben fremd geworden ist.

witze über randgruppen sind auch prima. da kann man sich so richtig schön luft machen vom druck, den die gesellschaft und die peergroup so auf einen ausüben. man kann sich als weiße-socken-in-sandalen-tragender mann mal fix rächen und geschminkte frauen dissen. oder als mama mit grauer haut vom wenigen schlaf ein wenig über die tussi mit den french nails herziehen. hässliche wichte erheben sich über matronen, matronen beißen männerklischees. arbeitsbienen schweben über menschen, die nicht im buckelsystem mitmischen, selbstständige lachen über angestellte. berliner ziehen die augenbraue über landeier hoch und landeier bewerfen hipster mit tomaten. gesunde hauen auf kranke ein, lebenspragmatiker auf emos, depressive auf die welt, zyniker auf alles und jeden. die menschen mit selbsthass und der zelebrierung desselben nicht zu vergessen. von weltanschaulichen, politischen und religiösen witzdebakeln schweige ich hier.

beispiele gibt es unzählige. und streng nach definition des witzes und auch nach freuds verständnis seiner funktion geht sicher das meiste auf twitter als witz durch. und weil man ja so gefangen in seinem alltagskorsett ist, was man, wenn, nur kokett zugibt, lacht man über diese witze und besternt sie. leitet sie weiter, damit auch jeder sieht, was für einen tollen humor man selbst hat. haben wir gelacht, haha.

das haben wir schon immer so gemacht, das machen wir noch mal. und immerhin besser, man leitet seine affekte in einen witz und was man dafür hält, als die tüddeloma vor einem an der kasse wirklich anzubrüllen oder dem zugnachbarn eine zu schallern oder mit einem realen spruch kieferbruch zu riskieren. schwupps, ist das leben wieder ein stück leichter, man hat sich ausgekotzt und twitter sei dank gibt es auch noch genug andere, die freudig mitkötzeln und applaus spenden.

eine geheimform des witzes

wieso ich hier so rante? weil mir diese art der witze unendlich dröge geworden ist. weil mich langweilt, dass menschen dazu neigen, ihr ego zu polieren und den bequemsten weg dafür darin sehen, sich über andere menschen zu erheben, sich von ihnen abzugrenzen. spätestens jetzt höre ich einige leser innerlich rufen: „tschakka, ich hab das killerargument, die erhebt sich ja grad selbst über sprücheklopper und disser.“ berechtiger einwand, würde ich antworten. schlauer wäre sicher, meine klappe zu halten. aber manchmal geht das nicht, da muss was raus. eure freiheit, andere niederzumachen im kleid des „harmlosen“ witzes und meine freiheit, euch zu sagen, dass ich mich unsagbar freuen würde, wenn es nicht derart häufig auf twitter und sonstwo anzutreffen wäre.

es gibt noch eine form des witzes, die möglich ist und ich verstehe nicht, wieso sie so selten genutzt wird. man kann sachverhalte und emotionen, psychologische phänomene, körper und ihre gebrechen, laster, sogenanntes fehlverhalten und was weiß ich humorvoll betrachten, ohne sich über andere menschen zu stellen. es ist möglich, respektvoll und achtsam miteinander umzugehen. immer. das ist keine frage der situation, sondern der inneren haltung, die sich im handeln außen zeigt. und richtig geraten, auch ich kann das (noch) nicht jederzeit. aber ich habe ein vertrauen darin, dass das möglich ist. und das potenzial dazu sehe ich auch. denn die meisten derer, die für mein empfinden immer mal derbe entgleisen, haben auch ganz andere seiten in sich, die mich aufs schönste sehr berühren können.

umgang miteinander, quo vadis?

letztlich lande ich immer beim selben thema. ich sehne mich nach einer welt voller menschen, die sich trauen, ihr herz so weit zu öffnen, dass alles, alles raum darin hat. voller menschen, die liebevoll miteinander umgehen, ob sie sich fremde sind oder nah. menschen, die sich durch und durch erinnern, dass es genügt, dass sie sind und die kein „feini gemacht“ brauchen. wir brauchen anerkennung in form von spiegelung und rückmeldung, unbestritten. aber wenn ich jemandem dafür applaudiere, dass er grad die beinharte rotznase gegeben hat, was sage ich diesem menschen damit?

da weigert sich alles in mir, bisweilen regt sich auch mein zorn. dann möchte ich hingehen und diesen menschen schütteln und ihm sagen, er soll gefälligst die augen aufmachen und endlich, endlich begreifen, dass er schon längst perfekt und liebenswürdig in diese welt geworfen wurde. dass er gar nicht so mätzchen zu machen braucht, die nur dazu dienen, sich gegenseitig was vorzumachen, damit man dann wieder jammern kann, dass einen keiner verstünde und man nicht geliebt würde.

nur, das brächte auch nichts. ganz manchmal kann zorn hilfreich sein, er wirkt wie ein schockmoment. rüttelt kurz wach. bei einigen wenigen vielleicht sogar dauerhaft. zorn ist auch gut, um den eigenen dampf loszuwerden. mich hat zorn, der mir entgegengebracht wurde, immer sehr erschreckt. und gebracht hat er nichts, außer, dass ich bockig wurde oder innerlich erstarrte.

wenn ich das ernst meine mit dem herzen, das sich so weit öffnet, dass alles, alles raum darin hat, dann bin ich ganz anders gefordert. dann kann ich nach einem moment des aufgewühltseins über sprüche, die ich als nicht respektvoll empfinde, mich wieder beruhigen. kann das ringen der witzemacher sehen, einen platz in dieser welt zu finden und ihr unbewusstes festhalten an dem glauben, man habe sich hier in diesem leben irgendwas mit leistung zu verdienen und zu verteidigen. kann mich in ihnen sehen, die an anderen punkten im leben genau die gleichen symptome anders ausagiert. kann andere ihre sprüche weiter machen lassen und in den meisten fällen meinen zorn verpuffen lassen und höflich nachfragen oder sogar dazu schweigen.

„qui tacet consentire videtur.“ hat mal ein mensch gesagt, der zufällig auch papst war. „wer schweigt, scheint zuzustimmen.“ und da liegt der hase im pfeffer.  wenn ich zu aussagen, mit denen menschen sich über andere erheben und das womöglich noch als „ist ja nur eine beobachtung, keinesfalls eine wertung“ oder „ist ja nur ein witz, ist doch harmlos, komm mal runter“ tarnen, schweige, so stimme ich noch lange nicht der aussage zu. ich stimme maximal dem recht des anderen auf seine freiheit zu, sein ego auf diese weise zu polieren, wenn er denn meint, das unbedingt so zu brauchen.

mut zur zärtlichkeit

mit einem text wie diesem mache ich mich angreifbar. mit schweigen auch, aber ich mache es nicht so sichtbar wie jetzt. manchmal aber ist es wichtig, sich sichtbar zu machen. manchmal braucht es das, denen die arme weit geöffnet anzubieten, die einen persönlich oder indem sie einen in eine definierte gruppe stecken niederzumachen versuchen, ohne ihr tun wirklich tief genug zu reflektieren.

letzlich ist es nicht möglich, sich wirklich über einen anderen menschen zu erheben. insofern ist auch jeder, der sich durch etwas verletzt fühlt, das andere sagen, tun oder lassen, gefordert. in der tiefe zu begreifen, dass wir etwas in uns tragen, was immun gegen pipifax und kindergartenkackverhalten ist, ist aufgabe beider seiten. derer, die dissen und derer, die sich gedisst fühlen.

wenn wir zulassen, dass wir groß sind, liebenswert und liebevoll, dann steht da niemand und ist bereit, einem die kehle mit worten durchzuschneiden oder mit hinterhältigkeiten einem ein bein zu stellen. vielleicht sehen wir sogar immer noch andere so dastehen oder finden uns selbst zuweilen in dieser position wieder. aber das kann uns dann nichts anhaben.

wir können, wenn wir üben, uns zu erinnern, bevor wir immer einfach alles rauspoltern, jenen in die augen sehen ohne furcht, ihnen die hände reichen und sie umarmen. das muss nicht physisch geschehen, beileibe nicht. es ist wie so oft zuerst eine frage der inneren haltung.  in uns liegt freiheit. wer sie findet, kann sich und andere achten und diese freiheit auch auf vielfältige weise im außen zeigen. ich wünsche uns allen mut zur zärtlichkeit. für uns selbst und alle anderen. ausdrücklich auch jene mitmeinend, denen oft (aus welchen motiven auch immer) egal ist, in was für einer welt sie leben und wie die menschen darin miteinander umgehen.

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