"… in das grenzenlose zu mir zurück" (else lasker-schüler)

Archiv für September, 2012

das mädchen mit dem strohhalm

heute ist premiere. auf dem spielplatz mit hütekind, als bezugsperson nummer 1. die anderen erwachsenen lassen mich nicht mitspielen. ich bin die neue, so viel ist mal klar. da ich eh schreiben will, bin ich eher froh darüber.

so einfach geht das allerdings nicht mit dem schreiben. hütekind klettert nämlich wie tarzan und mein herz schlägt wild, weil ich keine watte um sie packen kann. zwischendrin darf sie auch noch kurz das gelände verlassen und eigenständig eine schrippe kaufen gehen. was soll ich sagen, ich zähle die sekunden, bis sie wieder unversehrt bei mir ist. in gesellschaft von kindern lässt sich vertrauen ins leben ganz wunderbar üben, so viel ist mal auch klar.

auf dem spielplatz ist nicht so viel glockenhelles engelslachen zu hören, wie ich vermutet habe. in erster linie unterhalten sich diese kinder in einer lautstärke untereinander, die den lärm startender flugzeuge in den schatten stellt. dazwischen brüllen sie vor wut, wenn der eine nicht will, wie der andere. weil der eine hat, was der andere will,  weil die den kopfstand länger kann oder weil der andere der einen auf den zeh trat. kinder sind auch sehr geschickt darin, sich beim toben und fangenspielen ineinander zu verkeilen wie ein rudel katzenbabies in wollknäuel. alle paar minuten spätestens gibt es kindersirenengeheul und erwachsene, die irren blickes über den platz hetzen und versuchen, ihr kind unter den anderen rauszufischen. wie das sich für ein erstes mal gehört, bin auch ich fällig.

mein hütekind sei vom klettergerüst gefallen und habe sich ganz doll wehgetan, sagt mir seine spielfreundin. ihre unterlippe zittert und ich bin kurz vorm herzinfarkt. usain bolt kann einpacken, so schnell rase ich durch die luft. zeitgleich trete ich innerlich allen „was wäre, wenn“ vors schienbein und hoffe, dass nichts furchtbares geschehen ist. immerhin, ich höre sie nicht brüllen. wobei, ach du je, sie brüllt nicht, verflixt, das ist kein gutes zeichen, oder? unterm klettergerüst purzeln mir große kullertränen entgegen. ich bin nicht sicher, aber ich glaube, nur kinder bekommen das so hin, diese perlengleichen zartgebilde.

man reiche mir sofort ein schwert, ich haue diese welt in stücke, die es wagt, meinem hütekind wehzutun. ich weiß ja, weiß ja, dass sie jetzt in diesem augenblick wichtiges lernt in ihrem schmerz. und doch, keine göttin zürnte imposanter als ich gerade. in den arm nehmen, kullertränen küssen und mir die gefährliche herunterplumpsgeschichte aus hütekind- und hütekindfreundinsicht 5x anhören und anerkennend klarmachen, wie toll sie beide das scheitern gemeistert haben. ich stelle mich gar nicht mal so schlecht an als teilzeitmama, finde ich. jedenfalls ist die welt für uns alle drei nicht untergegangen, und das ist doch schon mal was.

wieder zurück an meinem warteplatz schreibe ich weiter. ein mädchen kommt näher, ein stück karton in der hand. sie ist vielleicht vier jahre alt und starrt mit offenem mund auf das, was ich tue. ihre augen schauen wie aus einer anderen welt, die ich gut kenne. sie merkt, dass ich sie beobachte. »was machst du da?«, sagt sie. »ich schreibe ein buch«, sage ich. da huscht ein begreifen durch das ganze kind, von zuinnerst nach außen nach zuinnerst und schleudert sich als leuchten in die welt. sie strahlt mich mit ihrem ganzen sein an, dann nickt sie mir zu. ihre nackten füße streunen weiter, als habe sie kein ziel, doch ihr blick erinnert etwas, sucht etwas. nicht weit von uns liegt ein strohhalm im sand. grün, wie mein bleistift. das mädchen hebt ihn auf, lehnt sich an die hecke und schaut zu mir herüber. ich lächle ihr zu und schreibe weiter. im augenwinkel sehe ich, wie sie es mir gleichtut. die art ihres leuchtens kommt mir vertraut vor.

bevor ich mein hütekind für den nachhauseweg einsammle, suche ich noch ein mal blickkontakt mit meiner jungen kollegin. ich weiß, dass auch sie eines tages ihr buch mit einem stift schreiben wird. die da vor mir stand, das bin ich vor genau 30 jahren. dieses kind hat erkannt, dass sie selbst das schaffen kann, was in büchern zu finden ist. das etwas aus ihr seinen weg in ein buch finden kann. vielleicht wird sie unsere begegnung ebensowenig vergessen, wie ich. als ich gehe, drehe ich mich nach ihr um. konzentriert gleitet ihr strohhalm über den karton.
wir schreiben beide unser erstes buch.

hurra, es ist ein märchen!

das eine

opa hat immer gesagt: »das eine sag‘ ich dir jetzt. und das andere sag‘ ich dir morgen.«
dann will ich mal. das eine sag‘ ich euch jetzt: ich habe den ersten satz meines buches geschrieben. das klingt vermutlich ähnlich bescheuert wie »ich habe eine wassermelone getragen.«, aber was soll’s. mit an sicherheit grenzender wahrscheinlichkeit wird er auch nicht der erste satz meines buches bleiben.

das ist alles nicht so wichtig. wichtig ist, dass ich etwas getan habe, vor dem ich mich seit der pubertät gedrückt hatte. ich habe viele texte geschrieben. die meisten davon gibt es nicht mehr, wie die kurzgeschichten oder das theaterstück, die herzschmerzgedichte. manche texte gibt es noch und das ausschließlich so, wie sie hier auf dem blog standen, in erster rohfassung. ein gedicht hat es sogar als begleitung in das wundervolle buch „suna“ von pia ziefle geschafft und da begann ich, zu verstehen.

immer, wenn ich „suna“ zur hand nehme und einen blick auf das gedicht werfe, geht es mir wie hier im blog oder auf twitter, wenn ihr mir rückmeldungen zusteckt. ich bekomme eine ahnung davon, dass in mir die gabe wohnt, menschen mit meinem schreiben berühren zu dürfen. immer wieder zweifle ich daran und immer wieder belehren mich meine leser eines besseren. doch egal, wie oft ich anläufe genommen hatte, mit einem buch zu beginnen, hielt ich mich selbst geschickt davon ab.

fußfesseln

gegebenheiten wie meine körperlichen erkrankungen und die rückenunfreundliche heimbüro-ausstattung nahm ich zum vorwand, um mich nicht an den schreibtisch setzen zu müssen, außer für einen kurzen blogeintrag oder twitter zwischendurch. eine arme, arbeitsunfähige kirchenmaus hat kein ultraleichtes laptop, (weil sie keine 3 kg tragen darf), mit ausreichend großem bildschirm und einer tastatur mit superdruckpunkt und dem geringstem tastaturgeklapper und dem garkeinlüftergeräusch, das sie überall hin mitnehmen kann. und wenn es all das nicht war, was störte, dann sang eben der musiker im haus zu laut oder hörte der nachbar zu laut hip-hop und selbstverständlich taten mir ohrstöpsel nach 10 minuten im ohr weh. meine herkunftsgeschichte im nacken und der zusatz, dass ich mit (tada, genau) schreiben berühmt werden sollte, waren auch prima ausflüchte.

vor kurzem hat mir jemand liebes einen kleinen satz gesagt oder auch zwei. und mir dämmerte etwas. es geht nicht darum, ob ich heute schon auf einem macbook air tippen kann oder dass mein schreibtischstuhl nicht gut für meinen rücken ist, geschweige denn meine matratze. sie machte mir klar, dass wenn ich schreiben will, ich mich auch kurz egal wo hinsetzen und mit der hand schreiben kann, bis die schmerzen in der hand oder in rücken und beinen zu groß werden. und wenn das dann so ist, höre ich halt auf und vertraue darauf, dass der stoff in meinem kopf bleibt und wächst und gedeiht, bis ich wieder kraft habe, weiterzuschreiben.

es ist ein segen, menschen kennen zu dürfen, die wagen, mir auch unbequemes zu sagen. endlich konnte ich nicht nur sehen, wie selbstmitleidig ich mich angestellt habe, sondern es auch lassen. ja, mag gut sein, ich habe es nicht so luxuriös wie andere mit gesundheit und schreibutensilien. mich jeden tag zu fragen, ob ich mir heute von meinem geld außer etwas zu essen auch noch anderes leisten darf, ist immer wieder kraftraubend, aber kein weltuntergang. dass ich es luxuriöser habe als die meisten menschen auf der welt und ärztliche versorgung, wenn ich sie brauche, ist genauso wahr. dass es immer helping hands in der not gab, die das schlimmste verhindert haben, wenn es gar zu eng wurde, ist so wahr wie ein segen, für den ich unendlich dankbar bin. dass ich ein dach überm kopf habe, unter dem ich schreiben kann, ist wahr. und dass zu vergleichen nichts als leid bringt, erst recht.

was wirklich zählt

kurz, ich hatte das vergessen, was zählt: meine phantasie und mein talent, das habe ich. das kann mir niemand nehmen. ein notizbuch, bleistifte und füller und immer mal einen moment kraft, um auch unter schmerzen am rechner zu sitzen, all das habe ich ja. wenn ich erst mal im schreibfluss bin und dazu stöpsel im ohr habe, dann jucken mich auch die außengeräusche nicht mehr. da bin ich dann irgendwo tief in mir, wo das keine rolle mehr spielt. ich kann mich entscheiden, mich nicht über störquellen aufzuregen. ich kann mich entscheiden, keinen mangel zu empfinden und mir mit meiner körperlichen verfassung nicht leid zu tun. so einfach ist das.

nachdem all diese fadenscheinigen gründe weggefallen waren, nicht zu schreiben, egal, wie groß der drang danach in mir auch sei, kam ich zum kern. ich hatte zu begreifen, dass ich eigenverantwortung habe und vor allem und zuerst mich selbst als verbündete brauche. es gibt eine stimme in mir, die leise, leise, sich gegen alle anderen stimmen in mir erhebt. eine stimme, die für mich einsteht und daran glaubt, dass ich etwas mitzuteilen habe. die mir sagt, ich werde worte finden, die fähig sind, zu transportieren, was mit worten nie zu fassen ist. diese stimme habe ich stets weitgehend ignoriert. habe ihr nur erlaubt, mich gedichte schreiben, twittern und bloggen zu lassen. immerhin, zum glück habe ich das.

wo worte versagen müssen

durch euch alle, die ihr mich lest, habe ich verstanden, dass ich menschen auch mit meinen worten berühre an dem ort, wo worte versagen müssen und dass ich nichts anderes möchte als genau das. es ist meine berufung und ich habe endlich den  mut, mich nicht mehr dagegen zu sperren. nicht jedem werde ich ein geschenk machen können mit meinen worten. aber darum geht es auch nicht. durch fachlichen austausch mit schriftstellerkolleginnen und -kollegen, habe ich zudem endlich orte, wo meine fragen und zweifel, mein schweiß und alle freude im schaffensprozess nicht nur angenommen, sondern mit mir fremden erfahrungen bereichert werden und umgekehrt. das hat mir jahrelang gefehlt und tut nun sagenhaft gut.

da ich manchmal noch dazu neige, den dingen zwar ihren lauf zu lassen, sie aber doch irgendwie einschätzen zu wollen, plante ich. ein kinderbuch sollte es werden. weil kinder baummenschen brauchen, die für sie einstehen. ich holte in einer umfrage vorschläge zu für kinder wichtigen themen ein. bekam ersten ansporn. leistete mir ein notizbuch mit feinem papier, wo mein buch drin wachsen wird, machte erste notizen – und versteckte mich dann wieder höchst produktiv auf twitter und im blog vor mir selbst. ich plante und plante, bis ich gestern mit einer schriftstellerkollegin ein feines gespräch über den stand der dinge führte, in dem sich einiges klärte. heute morgen hatte ich mit noch einer kollegin fachlichen austausch und im verlauf des gesprächs bekam ich in ihr eine erste mentorin für mich und mein buch.

das andere

es dämmerte mir: jetzt ist es ernst. die zeit des redenschwingens ist vorbei, jetzt ist die zeit, mein buch zu beginnen. genau das habe ich vorhin getan und mir zittern noch die hände vor aufregung. der erste schritt, mein märchen wahr werden zu lassen, ist getan. ich weiß nicht, wohin mich die reise führt. vielleicht werde ich euch hier teilhaben lassen oder in einer anderen form. vielleicht werde ich neben dem schreiben aber auch nur sehr selten auf twitter sein oder bloggen. möglich, ich könnte es aber auch als ausgleich brauchen, falls mir der schädel qualmt. ich habe keine ahnung. vielleicht wird es am ende nicht mal ein buch für kleine und große kinder, sondern ganz anders. was immer auch sein will, es wird sich mir zeigen. und ich gehe da jetzt einfach mit, ohne herumzustrampeln. ich weiß nur eines: es wird dieses buch geben. auch dank euch allen. eure unterstützung bedeutet mir unsagbar viel. (!)

wie auch immer, wann auch immer, wir lesen uns wieder, denn: das eine sag‘ ich euch jetzt. und das andere sag‘ ich euch morgen.

worte aus zwischenland

dein haar kämme ich dir wie wind über eine bergwiese streift. die geister aus der ältesten aller zeiten sind unter uns, sie wispern in fremder zunge. den feuerring um uns lass sie ziehen, wir verbrennen schon nicht. an deinem strumpfband das gewisse lächeln, du trägst es überall. wie du mir mundest, dass ich ganz wach bin und trunken von dir. alle welten legst du in eine umarmung. tauch deine hände in mich, ich will dir ein lichtbad sein, die gestirne reichen mich als flüssiges silber. verreibe mich auf dir, wir glänzen und ziehen fäden, mmmh, mmmh. deinen namen lecke ich dir in den schoß, bis dein ruf die nacht erhellt. sei mir gut, sei mir gut und winde dich um mich. das salz meiner haut trage dich durch innersten winter und eisblume sei mir jede deiner fingerspitzen. tauwasser trinke ich aus dir, du bist ein klarer gebirgsfluss. senke dein bett auf meinen mund, rausche in mir. wandre mit mir durch die zeit, lass uns ziellos sein. wie warm dein boden unter der kühlen wiese ist. ich beiße in den apfel und süße rinnt mir aus allen poren. deine hand streicht über meine hügel und täler, sie rastet und schnirchelt in meiner busenkoje. wenn du aufwachst, weiß dein blick von drachenhöhlen und labyrinthen ohne faden zu berichten. doch deine kehle liegt noch bloß, die geister haben uns verschont. dein leib tastet mich zu sich, dein schlafwarm ist mir mantel für den tag. ich segne dich mit tränen aus zärtlichkeit und kleide dich in wellen aus tiefen und sachten küssen. komm, ein mal noch wollen wir unsere hände ineinander flechten.

buddha in der stechmücke

buddha wohnt genauso in einer stechmücke wie in jedem von uns. niemand ist erleuchteter als ein anderer. ganz gleich, wie sehr wir uns danach sehnen, angeschaut zu werden, gelobt zu werden. egal, wie wir auch hoffen, nicht ignoriert zu werden oder dass jemand uns nicht an die angst verriete, sondern in liebe mit uns feierte.

was immer wir auch tun, um in anderer menschen gunst zu stehen, wie sehr wir flüchten vor ihrer zuneigung. wie traurig wir uns fühlen, wie wütend und zornig, wie verbohrt und ignorant und ekelpaketig und widerlich und abschaumig, wie ängstlich und spirituell und oberflächlich und billig und gutmenschlich, wie religiös, atheistisch und politisch und abgeklärt und alterhasig, wie nervig und dümmlich und grausam und zynisch und klogriffig und was weiß ich wir uns geben:

da sind keine ominösen anderen, mit denen wir nichts zu tun haben. niemand ist schlupp vom grünen stern, der durch einen ärgerlichen oder tollen zufall auf die erde und in eine horde menschen geraten ist. wir sind nur so lange außerirdisch, wie wir uns weigern, aus wachen augen zu träumen. sobald wir die illusion loslassen, dass diese welt, dieses leben, die menschen um uns herum eine egal wie geartete bringschuld uns gegenüber hätten, was bleibt dann übrig?

wir alle atmen liebe, pupsen liebe, leuchten vor liebe, machen liebe, sind liebe.

wirklich alle? – so ketzerisch es auch anmuten mag:
ja. das wir, das ich ausspreche, umfasst ausnahmslos alle menschen.
was immer sie auch tun, was immer sie auch lassen.

es ist, was es ist. seitdem ich das sehe, habe ich dieselbe gefühlspalette, dieselben emotionen wie vorher. spüre wie vorher. und doch ist alles anders, präziser, klarer. ich weiß nicht mehr, wer ich bin, wer du bist und du und du und du auch. wer wir sind und wer wir einander sind, wenn nicht liebe. ich weiß nicht mehr, wie wir anderes sein könnten als eins in all seinen bunten und unterschiedlichen ausdrucksformen.

wir können die welt welt sein lassen, wir brauchen kein tamtam, kein abgehobenes geschwafel. wir brauchen keinen ständigen glückskick, wir brauchen auch kein suhlen in angst. wir sind in der liebe. das ist, wie wenn der zeiger auf null steht und alle möglichen ausschläge in beide richtungen in sich vereint hat. da ist eine glückseligkeit, die jenseits von hormonen und botenstoffen bereit und dankbar ist, jedes gefühl, das hochkommt, zum ausdruck zu bringen. wir brauchen keine esoterischen verschwörungstheorien, keine maya- oder andere weltuntergänge. kein new age, keine religionsfanatiker und kein darben nach irgendeinem nichtirdischen paradies. keine jahre voll meditation, kein weltfremdeln, kein glauben an schuld und sühne. keine vermeintliche rettung in reiner vernunft und dem glauben an den götzen wissenschaft. aber all das können wir tun, wie wir es tun, gewiss.

wir sind frei darin, in welcher umgebung wir die augen öffnen. doch es bräuchte keinen hokuspokus um irgendwas, kein spezielles leben. nicht mal den austritt aus dem hamsterrad, niemand braucht zu gehen und nicht wiederzukehren. es braucht nur, die augen aufzumachen, immer wieder. das genügt. alles mag scheinen, wie zuvor, und zugleich sitzt kein stein mehr auf dem anderen. wir haben die freiheit, zu begreifen, dass wir nie anderes als frei sind. wir sind sogar so frei, dass wir die augen nicht aufzumachen brauchen. wir haben keine pflicht, irgendwas anderes als wir selbst zu sein: die universen sind vollgepfropft mit den wunderlichsten paradoxen und möglichkeiten und dualität ist aus.

ich bin nicht erleuchteter als du und du und du. du bist nicht erleuchteter als ihr und wir sind nicht erleuchteter als diese stechmücke oder ein stein oder ein stück holz oder das brot, das wir essen.

bin ich abgeschweift? kommt jetzt der schlusssatz? wie klingt das lachen des universums? wie laut ist stille? was bewirkt nichts?

was ist wach? was ist traum? wie viele realitäten werfen wir als imaginäre schleier über das, was ist? schmücken die menschen ihre münder schon mit kirschblüten aus? sagen wir uns womöglich längst in mangosprache das, was nicht sagbar ist? und überhaupt – wer bin ich?

der sommer, der mir die verdrehten socken abstreift

barfuß

meine sprache schmeckt fremd, auch wenn ich noch die gleichen vokabeln benutze. ungelenk fällt sie mir aus dem mund und schüttelt das noch feuchte gefieder. wenn ich sie hinausbefördern will, bevor sie es an der zeit findet, stemmt sie sich mit ihren winzigen krallen in meine mundwinkel oder lässt meine hände zu sehr zittern. ich denke diesen sommer viel an meine oma und wieso sie mich nur immer „fejgele, goldkind tochter zion“ genannt hat. daran, dass manche geheimnisse so offensichtlich sind, dass man besser nicht an ihnen rührt.

das ist ein sommer, der möchte nur spielen. und ich spiele mit, wenn ich den grünen tee in meiner tasse beobachte, wann denn bloß endlich mir daraus ein higgs-boson zuwinkt. wenn ich draußen auf dem land bin, mit dem acker schmuse und mich frage, ob wir jetzt beide quantenspünge gemacht haben und ob ich noch dieselbe bin wie vorher. diesen sommer laufe ich so viel barfuß wie lange nicht mehr. dort, auf dem land. auf schotter und grobem asphalt, auf hartem lehmboden und im modder, durch viele  pfützen und wiesen, über disteln, durch lupinen und über stoppelfelder. die spitze eines steines in deiner fußsohle lehrt dich, jeden schritt achtsam zu tun. solche weisen sprüche formuliere ich im kopf, während ich warte, dass der schmerz nachlässt und farbe in mein gesicht zurückkehrt. und dann lache ich über meine ungeduld. dies ist ein zeitlupensommer gewesen. kann man mir nichts anderes erzählen. egal, wie viel da geschehen ist und wie schnell das scheinbar war. auch meine seele läuft neuerdings nur noch barfuß und es bekommt ihr gut.

stadt, land, lärm

ich mag den lärm der stadt nicht. ich mag auch den lärm auf dem land nicht, wenn menschen ihn machen. es gibt tage, da möchte ich meinen nachbarn bücher an den kopf werfen, nur, damit sie endlich ein mal ruhe geben. und es gibt tage wie gestern. das eisessen mit der besten freundin und die rückfahrt im bus. gelassen steige ich aus. das allein schon großes aha. ich gehe nicht direkt nach hause. etwas zieht mich mitten auf den platz an der großen straße. hin zu einer der bänke unter dem denkmalgeschützten baum.

ich sitze inmitten der kakophonie einer millionenstadt und irgendwer schaut mit großen augen aus mir heraus und hört mit großen ohren hin. kurz überlege ich, ob ich wieder hinter die haushofersche wand gerutscht bin. und, schlimmer noch, ob mir der hebel abgebrochen ist, mit dem ich in die welt der anderen zurückkehren  kann. aber das hier ist anders als früher. ich bin nicht nur hellwach und klar da hinter meinem vorhang aus nichts, ich bin zugleich auch mitten im geschehen.

neben mich setzt sich eine ältere frau. sie stinkt unter den armen ihres synthetikpullis und es stört mich nicht. von links kommt zigarettengeruch und einer zieht sich die schuhe aus. von noch weiter links weht dönergeruch herüber und ich hätte niemals „das parfüm“ schreiben können, weil mir tolle worte für gerüche fehlen, auch wenn ich eine nase habe, die fast so gut wie grenouilles ist. die welt oder was wir dafür halten, steht völlig still in mir und um mich herum. unablässig spuckt sie aus einem fluchtpunkt weit hinten silberzeug die straße herunter. beim näherkommen bekommt es verschiedene formen und farben. betonmischer und ein werbekühlschrank, der für drei riesen reichte. busse und lkw, lüftersirren und sirenenklirren und klaxon, klaxon, die hupen. ein hund hält seine schnauze in eine der brunnenfontänen, eine mutter ihr baby an eine andere. da ist das schild, das alles überragt auf dem platz und an die kz gemahnt, in denen so viele menschen um ihr leben gebracht wurden, dass ich manchmal nicht weiß, wie atmen.

es bahnt sich seinen weg

ich bin ein fejgele und sitze hier und dass das so kam, ist vemutlich ein einziger großer zufall, kismet, bestimmung oder glück, was weiß ich schon. da blinzelt sonne durch die blätter und auf der bank vor mir sitzt eine alte türkin und wippt mit den füßen in der luft. wie ein kind, denke ich. alles gleißt in diesem spätnachmittagslicht. nicht zu hart, nicht zu weich. scharf und liebevoll gezeichnet sehen die menschen aus, da an ihren sporttaschen und auf ihren fahrrädern. unter ihren ranzen, an ihren einkaufstrolleys oder den händen anderer menschen. sie sehen nicht mal fröhlich aus oder friedlich. die wenigsten von ihnen. eher abgekämpft und müde und nur noch halb neugierig und jetzt höre ich auf, ich mag adjektive einfach nicht. die welt steht immer noch still, ich spüre es genau. aus all diesen menschen strömt etwas, aus allem silberzeug und jedem blatt. aus dem gestank der frau neben mir und der schnapsfahne eine bank weiter. aus den leeren flaschen am baumstamm und dem dreck der straße und der gehwege.

es ist in den fliegen, die sich vor meinem auge jagen und dem geschrei des kindes an der ampel. es ist in den unzähligen fingerabdrücken auf dem knopf für das blindensignal. es ist im gorillaschritt des jungen mannes und im selbstgespräch der frau mit der schokolade in der hand. ich kann es spüren im fettigen haar des punkers und im schlurfen seines hundes. ich kann sehen, wie es aus jedem bart trieft und sich aus jeder glatten wange streift. wie es hinter den blicken der menschen sich seinen weg bahnt, ohne sich zu bewegen. wie es achtsam seine schritte setzt in den achtlosen schritten. wie es in der hektik alle zeit der welt hat.

es heißt immer, man könne liebe nicht sehen, aber ich weiß jetzt, das stimmt nicht. das, was ich da sehe, ist stille inmitten allen lärms. es ist, als könne ich plötzlich durch alles hindurch sehen. alles ist durchsichtig wie luft und doch in seiner form wie immer. ich kann sehen, wie wir auf der erdkruste wuseln und so durchsichtiger ball sind in einem durchsichtigen universum. wie wir weinen und lachen und kämpfen und uns bekriegen und morden und lieben und wiegen und kommen und gehen. wie wir alles irgendwie finden und leiden oder nicht leiden und nichts weiter sind als seelenleiber auf einem weltenleib und nichts sind und alles und nichts. wie wir von ungeheurer wichtigkeit sind für das ganze gefüge und das gefüge genauso wundersam sich fügte, wenn wir nicht wir, sondern ein sandkorn wären. wir tanzen wie staub im licht. wir wirbeln auf und setzen uns, bis wir wieder hochgewirbelt werden zum nächsten tanz.

bitte bleiben sie stehen und gehen sie weiter

da ist nichts, was es zu fürchten gilt und nichts, was es zu ändern gilt. fast kann ich die aufschreie hören, wie wir denn besonders sein können, wenn alle besonders sind. wie alles gleich sein kann, wenn es aber doch so und nicht anders ist. wie wir aber doch geboren werden und sterben, wir haben doch schließlich das blut gesehen und die schmerzen. ich habe keine antwort, außer, dass wir uns, die welt, das universum in einen schleier hüllen und mehr noch als vor dem tod angst haben, ihn zu lupfen. weil wir in dem moment begreifen würden, erinnern würden. weil wir in dem moment keine ausreden mehr hätten, so weiterzumachen, wie bisher, selbst wenn und obwohl sich gar nichts ändern muss, damit alles gut ist. ich habe keine antworten, ich habe nur ein zärtliches gespür. alles, was ich sagen kann, ist, dass jeder längst in dieser liebe ist und alles hadern obsolet wird, wenn einer hingeht und den schleier lupft. wer worte dafür sucht, kann rumi lesen, der hat verstanden, sie zu finden.

ein wissenschaftler nähme mich vermutlich auch gern auseinander, aber ich weiß, das da auf dem platz auf der bank unter dem baum an der straße, das ist keine erfahrung im sinne einer erfahrung. meine worte mögen die eines wahrnehmens sein und doch ist es das nicht. es ist reine sinnlichkeit gewesen und doch etwas, das mehr ist als ein fest für die sinne. ich bin all das. alle geräusche, aller geruch, der boden unter meinen füßen und der wind in meinem haar. ich bin alle menschen und insekten, alle fahrzeuge und der dreck auf der straße. ich bin die spiegelung im fenster des hauses gegenüber und jeder fingerabdruck. ich bin stille, die liebe ist. die welt dreht sich weiter, immerzu und ist doch still wie eh und je. wenn man nur still genug ist und sein ohr ans universum hält, kann man es atmen hören. mitten in und um sich.

auf dem nachhauseweg bemerke ich etwas neues, seitdem ich diesen sommer so viel barfuß gelaufen bin. jede socke, und sitze sie noch so passgenau selbstgestrickt an der ferse, dreht sich mir mit derselben nach oben. ich weiß nicht, wieso, es ist, als liefe ich anders. als möchten meine füße sich ihre freiheit bewahren. oder mir. sie mögen nicht, dass ich sie in schuhe und socken stecke und lassen das argument mit den temperaturen in deutschland kaum gelten. meine füße sind wie so vieles an und in mir noch nicht wieder gesund, dafür voll und ganz heile. aber das ist eine andere geschichte. oder auch nicht. der sommer geht in den herbst über und ich war noch nie so sehr zuhause in dieser welt, in diesem leben, wie barfuß und jetzt.

danke, liebes leben

auf eine weise war ich es immer, das begreife ich jetzt. dass ich das noch erleben darf, jetzt und hier und mit diesem bewusstsein, das ist unsagbar schön, finde ich. manche menschen glauben, ich habe einen knall und schwebe auf irgendeiner fluffigen wolke durchs leben und könne mir diese dreistigkeit nur erlauben, weil ich bestimmt noch nichts hartes durchgemacht hätte. dann lächle ich immer. in diesem einen leben allein habe ich schon sehr oft und sehr vieles überlebt, wofür vielen der vorstellungsmut fehlt. das wiederum möchte dann auch keiner hören, da kann man ja viel erzählen, wenn der tag lang ist. mir ist das egal. es hätte auch etwas ganz anderes sein können, was mich in diesem jetzt sein lässt, dessen bin ich annähernd sicher.

noch vor wenigen jahren hätte ich nicht gelaubt, was ich jetzt sehen kann und was ich wirklich bin. noch anfang des jahres wusste ich wie so oft nicht, ob ich das wirklich kann, dieses lange, lange überleben einmal in ein leben zu wandeln. in eines, mit dem ich 80 oder älter werden möchte. eine so große sammlung an zufällen und ebenso dingen, die so kommen sollten, wie sie kamen, an menschen, die mir hände reichten oder meine hände annahmen, führte mich gestern zu dieser bank auf dem platz. ich habe keine antwort darauf, was mich den schleier lupfen lässt, den wir menschen über uns, das leben und die welt legen. es ist so, mehr brauche ich nicht zu wissen. und nichts von alledem muss für irgendwen stimmen, der das hier liest.

vor einiger zeit tauchte in mir auf: „als sei der nicht endende fluss aus lärm in der welt mein koan.“ gestern habe ich mein koan gelöst. jetzt schärfe ich in demut meine sinne für dieses wunder. dieses wunder, das wir liebe, stille, leben oder wie auch immer nennen. vor 20 jahren träumte ich ein wort, „enterea“ und dass es „das ende der verdrehten sicht“ bedeutet. gestern streifte sich das, was ich scheint, die socken ab, die verdrehten. und meine seele geht barfuß, seitdem das universum das erste mal geblinzelt hat.

auszüge aus einem geplatzten gehirn

hätte, hätte, perlenkette

diesen text sollte ich jetzt gerade gar nicht schreiben. sagt wer? hätte, hätte, perlenkette. vor was ich mich alles drücken kann, wenn ich nur genug twittere und lese, was andere so twittern. da schlackern mir die ohren. und wenn ich nicht twittere, dann fällt mir noch allerlei ein. langweilig ist mir nie. ich kann bücher lesen, meditieren, spazieren gehen und kochen. ich kann mit lieben menschen telephonieren und malen und musik hören und tanzen und dabei in den schneebesen singen. ich kann einen mittagsschlaf halten und üben, in supermärkten nicht umzukippen und die kastanie vorm fenster beim wiegen beobachten. das alles ist okayhay für mich.

da warten anträge, die perfekt vorbereitet sind und nur noch ausgefüllt werden müssen. wie viele jahre die fenster nicht geputzt sind, möchte nun wirklich keiner wissen. und überhaupt gibt es noch so viel, was ich mal wieder lackieren könnte und die küche ist auch noch nicht renoviert oder der wasserhahn im bad, der ist immer noch ab. oh und die rezension, die ich mir angelacht und für die ich weder zeit noch kraft habe, so gefühlt. das alles ist okayhay für mich.

oder ich blogge. geht ja schließlich auch. irgendwas finde ich immer, um nicht das zu tun, was für mich, neben lieben und leben, den meisten mut erfordert: mein buch zu schreiben. nicht, dass ich keine ideen hätte. die reichen für so viele bücher, da muss ich noch ein paar leben auf der erde hinten dranhängen. inzwischen haben mir auch genug menschen gesagt, dass ich gut schreibe und gut genug, dass sie auch texte von mir kaufen würden. das angekratzte kinder-ego ist inzwischen recht gut verheilt. das ist es also auch nicht. was ist es dann? es ist pupseinfach. wie meistens.

pupseinfach, das will nur spielen

es heißt anhaftung, ego, wie auch immer. und ist die vielleicht größte illusion unter der sonne, die mir so spontan einfällt. das sagt, ich soll dies und ich soll das nicht. ich sei nicht gut genug für dieses und für jenes auch nicht. und auch, dass meine kreativität sich im nichtschwimmerbecken ersaufen wird, sobald ich auch nur wage, anzunehmen, ich könne ein buch mit meinen texten verkaufen. da brauche ich gar nicht erst loszuschreiben. und sollte ich wagen, darüber zu sprechen, dann wird’s aber was geben, i can tell you. der wie vielte mensch auf twitter bin ich inzwischen, der seine geistigen ergüsse für literatur hält und dementsprechend unter die leute bringen will? ich zähle lieber nicht. der spötter jedenfalls werden unzählige sein, da mache ich mir nichts vor.

manche sagen, das ego muss man kaputt machen. zerstören, loswerden. aber das ist so eine sache mit dingen, die illusionen sind. das geht nämlich gar nicht. ha. illusionen, die nimmt man am besten an die hand und mit durch den tag und durchs leben. man braucht ihnen auch keine schönen augen zu machen. die tun nichts, die wollen nur spielen. das ist wie mit sprache. die will auch nur spielen. manchmal bricht sie mir das genick, wenn ich über ihre natur nachdenke. aber das ist es, ich denke nach. führt zu nichts. ich strampele herum und wüte und tue alles, um mich vom schreiben abzuhalten. und denke, wenn ich nur nicht mehr twitterte und nicht mehr bloggte, dann aber, ja dann. denkste.

wer nicht fragt, ist nicht immer dumm

es steht und fällt alles mit der selbstliebe. bin ich es mir wert, das, was ich zu sagen habe, als sagenswürdig zu befinden? oder gar noch einen schritt weiter hinter die kulissen von bewertung und urteil zu gehen und mich nicht darum zu scheren? es braucht kein wieso im schreiben, es braucht auch kein wozu im schreiben. so, wie es für nichts ein wozu gibt – oder allenfalls jenes, dass das universum sich darin selbst erfährt.

vielleicht könnte man auch sagen, dass die liebe (diese allumfassende) sich selbst begegnen will. sie sucht sich dazu alle möglichen denkbaren und undenkbaren formen. und in meinem fall steht sie seit ich vier jahre alt war und meinen namen schreiben konnte, hinter mir auf dem sprungturm, oben auf dem 10-m-brett und fordert mich auf. sie fordert mich auf, worte für sie, für das unsagbare zu finden. und ich stottere seitdem durchs leben und mache mir so meine gedanken.

das ist derzeit vorbei. mein gehirn ist geplatzt. es hat die liebe geschaut. das, was ist und uns alle verbindet. nix eso-kram. das fährt immer wieder in mich und ich will mich zerfetzen in tausend kleine papierschnipsel und mich hinunterspülen in die wasser, bis ich wieder ans licht komme und reste von mir im sonnenstrahl glitzern und darauf steht „will mich“. wie viele anläufe habe ich gemacht? wie viele angefangene textdateien gibt es von wie vielen büchern und sei es nur in meinem kopf? wie viel habe ich auf twitter und im blog verpulvert? wie viele texte habe ich aus twitter und aus dem blog wieder herausgenommen und in die schublade gepackt für wann auch immer?

was ist denn jetzt?

ich bin gern auf twitter, unbestritten, egal, wie oft ich anecke und mir alles fremd ist, genauso gibt es auch die, die mir im herzen liegen und viele, viele, die meinen geist befeuern. nur, ich glaube, im moment brauche ich mehr anderes feuer. das, was beobachtet und sichtet und sich von innen nährt und mich den stift in die hand nehmen lässt oder die tastatur. ich bin nicht die, die viel schreibt, wenn sie viel liest und twittert. ich schreibe, wenn ich in der stille bin. der stille gewahr zu sein im trubel, das gelingt mir schon öfter. aber dann auch zu schreiben, das bekomme ich kaum hin. dafür brauche ich schweigen, zuweilen sogar stöpsel im ohr. ich brauche, mich in mir ins universum zu tunken, um mit beiden händen aus der fülle allen seins schöpfen zu können. klingt romantisch, ist aber schlicht ein erfahrungswert, den ich immer neu an mein momentanes leben anpasse und der wie eine art roter faden winkt.

wie es jetzt weitergeht, ich weiß es nicht. ich weiß nichts, nicht mal, ob meine bücher geschrieben werden müssen, um zu existieren. ob ich das fremde land bereist haben muss, mit seinen verschiedenen sorten mangos, um zu wissen, wie sie schmecken. ich weiß nicht, wie ich eine sprache finden kann, die aus der stille heraus gespeist ist, die die liebe ist. ich weiß nur, drunter will ich es nicht machen. deshalb habe ich immer so gerungen, um jedes einzelne wort. und auch hier scheint es nicht darum zu gehen. es geht nicht um kämpfen und ringen und gewinnen und verlieren.

kapitulieren und dabei lächeln

es geht um kapitulation und hingabe an das, was ist. alles, was ist. mit allen wenns und ohne aber. immer fürchtete ich, mich dann aufzulösen, in abermillionen winzige teile zu zerspringen, meine identität zu verlieren. nur – vielleicht braucht es genau das. wie soll die liebe sich aus mir herausschreiben, wenn ich mich weigere, ganz in ihr aufzugehen? wer das nicht tut, kann technisch brillant schreiben, mit einem gewissen talent. aber das, was ich meine, das braucht mehr. das braucht nicht leidenschaft für’s und besessenheit vom schreiben. das braucht das unaussprechliche, das unsagbare. das braucht worte, wie geschenke eingehüllt. die man auspackt, um nichts darin zu finden und alles zu spüren. solche worte findet nicht, wer sie sucht. er mag welche finden, die ähnlich klingen und eine weile zu täuschen vermögen. worte, die für applaus genügen.

ich weiß nicht, wohin es mich führt, wohin es fließt. wie oft ich mich drücken werde vor dem, was anliegt und wieso und wozu. irgendwas ist in mir aufgebrochen, mehr kann ich euch nicht sagen. bleibt mir gewogen auf dieser reise oder auch nicht. wie es kommt, wird es gut sein und ist es längst. ich weiß grad nur, die worte wollen mehr mit mir spielen. und jedes meiner worte haue euch hochachtungvoll stille um die ohren.

die im spiegel zwinkert mir zu

oben oder unten, je nachdem

es ist mal wieder einer von diesen trägen sonntagnachmittagen. die tarnen sich gern als völlig harmlose zeitgenossen irgendwo zwischen miles davis, tee und guten büchern oder einem spaziergang mit feinen menschen und kucheneinkehr oder auch den zoffenden kindern im hof, die mich so entzückend nervtötend an die eigene kindheit erinnern.

wie auch immer, ich ahne mal wieder nichts, fläze so gemütlich vor mich hin und durch den tag und dann plötzlich packt mich jemand von innen und stellt mich auf den kopf. damit nicht genug, hängt sie mich auch noch über den erdenrand mitten ins universum und sagt dann: »na, wo ist oben, wo ist unten? wer bist du und was machst du hier und träume ich dich?« mir fällt die kinnlade runter oder nach oben, je nachdem und ich möchte protestieren und fragen, was das soll. so eine unverschämtheit, da in mir rumzuturnen und mich so zu erschrecken. und überhaupt, wer träumt hier gefälligst wen und lass mich sofort runter. oder hoch, je nachdem.

dann sage ich nichts, weil mir einfällt, dass ich ja gerade am seidenen faden der welt mitten ins universum baumele und man weiß ja nicht, was mit denen passiert, die da so baumelten wie ich und dann hat man sie einfach losgelassen und schwupps, weg waren se. nee, ich bleibe lieber ruhig. habe ich mir so gedacht. aber dann geht es erst richtig los. »es gibt keine sicherheiten im leben.« na, da schau her, madame stellt nicht nur gern unschuldige sonntagnachmittagsmenschen auf den kopf, nein, weise sprüche kann sie auch noch. »ach?«, sage ich und halte meine entgegnung für ziemlich clever. madame jedoch beginnt, mich von unten nach oben durchzuschütteln. oder von oben nach unten, je nachdem.

durch einen spiegel, in einem dunklen wort

ihr satz echot in mir und wie sie mich so schüttelt, gerät alles in mir ins vibrieren. beinahe ist es angenehm, wenn da nicht die sache mit dem hängen, sie wissen schon, wäre. und während ich das denke, denke ich noch?, lässt sie los. loopings auf der achterbahn sind lächerlich gegen das, was mir da bis ins mark fährt. das fühlt sich an wie einen medizinball in die magengrube zu bekommen, der mich mal eben zum mond und zurück schießt oder wie eine qualle durchs meer geworfen zu werden. damit nicht genug, rase ich währenddessen vorwärts und rückwärts durch die zeit und alle filme allen lebens auf dieser erde spielen gleichzeitig in meinem kopf.

eine zeitlupenstimme dringt zu mir durch. »sie haben dich belogen, sie wussten es nicht besser. keine sicherheit, und auch keine kontrolle.« ich falle, falle, falle und finde mich im bad wieder. dem raum in meiner wohnung mit dem einzigen spiegel. aufmerksam schaue ich die im spiegel an, irgendwie kommt sie mir bekannt vor. »ich soll kontrolle loslassen lernen, haben sie gesagt. damit ich lerne, den menschen wieder zu vertrauen, haben sie gesagt. dass mir das schwer fällt, weil ich als kind keine wahl hatte. dass ich vermutlich nie wieder einem menschen vollauf werde vertrauen können. weil ich nicht wisse, wie das geht, kontrolle loszulassen, ohne todesangst dabei. weil ich lieber nicht vertraue, als wieder todesangst zu haben, haben sie gesagt.«

die frau im spiegel zwinkert mir zu. »sie sagen viel, weil sie die welt sehen, wie sie sie sehen. und doch. es ist selten so, wie wir denken. zum glück.« »wie ist es dann?« »frag dich das selbst«, sagt sie. »tu ich doch gerade«, sage ich und sie lacht laut.

ich weiß nicht, wieso das so ist. wieso ich 34 jahre durchs leben gehe und 24 jahre davon glaube, es gebe so etwas wie sicherheiten, obwohl ich seit meiner geburt nichts anderes erfahren habe, als dass es sie nicht gibt. oder wenn, dann nur in grausamer variante. die letzten 10 jahre meines lebens habe ich damit verbracht, zu lernen, dass das eben so ist, dass dieses leben sich ohne sicherheiten lebt. und dass es meine entscheidung ist, ob ich ok damit bin oder ob ich die nummer mit dem gegen windmühlenflügel anstürmen noch länger durchziehen will. und dann kommt ein sonntagnachmittag um die ecke, der mir den boden unter den füßen wegzieht.

ein geschenk als solches erkennen und alte haken

dem ging voraus, dass ich es mir die letzten tage schwerer gemacht habe als sonst. da ist ein mensch, von der ich kaum etwas weiß, außer, dass sie mir mehr und mehr ins herz wächst. und dass, obwohl sie darinnen schon immer verwurzelt gewesen zu sein scheint. während ich mich bisweilen frug, was uns da so zueinander führt und wieso und wohin, analysiert, bewertet und definiert sie nicht, was zwischen uns ist. als sie sagte, dass sie nichts benenne, um nichts zu definieren, dämmerte mir: nichts zu definieren kann man nicht bloß nutzen, um sich nicht einlassen zu müssen auf den gegenüber. dieses mal geht es nicht darum, einander auszuweichen, sondern darum, sich einzulassen in größtmöglicher offenheit und achtsamkeit. sie macht mir seit monaten das vielleicht schönste geschenk, dass man einem anderen menschen machen kann und ich kann es endlich auch als solches erkennen.

dieses geschenk mit der immanenten, unausgesprochenen einladung, es ihr gleichzutun, überfordert mich zunächst. den mut braucht es erst mal, das anzunehmen. ich kann gar nicht so schnell flashback sagen, wie erinnerungen auftauchen und ängste, die tiefer sitzen, als mir lieb ist. es braucht keine drei sekunden, um mir deutlich zu machen, dass es noch genug in mir gibt, was will, dass ich es anschaue. von mittwoch abend bist sonntag mittag habe ich also eine horde kinderängste auf dem schoß, verteile unmengen an imaginärem kakao, quengele und zetere, beruhige mich wieder und umarme mich fest. bin froh über die exfrau, die sagt, sie kennt sowas von sich auch, lasse gedanken auf spaziergängen freien lauf und stelle mich dem unbequemen in mir, weil es dran ist.

da gibt es nämlich sehr wohl die tendenz in mir, zu analysieren und das, was geschieht, irgendwie einordnen zu wollen und sei es auch noch so lose. auch, wenn ich damit viel gelassener bin als noch vor jahren. aber, kein vertun, würde das jemand umgekehrt bei mir versuchen, man sähe, triebe man es zu weit, nur noch meine staubwolke von hinten. so versuchte ich oft, zu üben, kontrolle loszulassen, auch wenn ich keinen blassen schimmer habe, wie das denn bloß gehen solle.

der gedanke lag ja nahe. ich möchte vertrauen, habe aber aus mir wohl bekannten gründen regelrecht todesangst davor. hingabe könnte genausogut auslieferung und sterben müssen bedeuten. der nicht verletzte teil in mir weiß ganz genau, dass die wahrscheinlichkeit heutzutage gegen null geht und das echt einen versuch wert ist, über die eigene grenze zu springen mit dem vertrauen. und dafür bräuchte ich was zu tun? klare sache, das, was man mir eingetrichtert hat: kontrolle abgeben, loslassen.

hingabe ist das, was wir längst täglich tun

aber dann kam der sonntag nachmittag und ich bin 34 jahre alt und komplett auf den kopf gestellt. ich weiß nicht, wieso das so ist, dass man durchs leben läuft und es einem partout nicht wie schuppen von den augen fällt. vielleicht, weil alles gut so ist, wie es ist und alles seine zeit braucht, die es ja auch nicht gibt. was weiß ich. ich bin mir auch beinahe sicher, das, was ich heute begriffen habe, nicht zum ersten mal ins bewusstsein bekommen zu haben. aber erst jetzt macht es keine angst mehr. es gibt nämlich nicht nur keine sicherheiten im leben ( daran allein kann man ja schon meschugge werden), nein, es gibt mit dieser annahme dann auch keine kontrolle über rein gar nichts. es ist so logisch, dass es irrwitzig erscheint. ich bin völlig entwaffnet und lache, lache. vielleicht bin ich jetzt meschugge, aber es fühlt sich so leicht und gut an, dass ich das glatt in kauf nähme.

wenn ich keine sicherheiten im leben erzeugen kann, heißt das nichts anderes, als dass ich darüber auch keine macht, keine kontrolle habe. wenn es also nicht möglich ist, etwas zu kontrollieren, dann ist macht und kontrolle nichts weiter als illusion unseres geistes und tadaaaa: was es nicht gibt, kann ich nicht abgeben und loslassen. ich brauche überhaupt keine panik davor zu schieben, kontrolle loslassen zu müssen und mich auszuliefern. ich tue nämlich 24h am tag an sieben tagen die woche und 365 tagen im jahr seit meiner geburt nichts anderes als genau das: ich liefere mich aus. dem leben, dem universum, dem fluss allen seins, man nenne es, wie man will. ich habe nicht mal die wahl, es nicht zu tun, außer, ich brächte mich um und selbst dann ist nicht sicher, dass das spiel damit aufhört. da ich gerne lebe, ist das eh egal.

den mut haben, ein geschenk anzunehmen

es ist sonntag nachmittag und ich könnte die ganze welt umarmen. weil es so einfach ist, so verflixt einfach, dass ich es übersehen habe: das leben fließt und ich fließe mit. nicht mehr und nicht weniger als das. BAMM! und wenn ich nichts kontrollieren kann und nichts sicher ist, dann brauche ich auch nicht meine zeit damit zu verplempern, irgendwas definieren zu wollen, was da wächst und gedeiht zwischen einem anderen menschen und mir. dann brauche ich mich nicht zu fürchten, ob ich vertrauen kann oder nicht und mich nicht zu fragen, wohin mich oder sie oder uns das miteinander führt. ich kann all diesen quatsch lassen, mit dem mein geist sich selbst zuplappert und wieder in der stille sein. ich brauche nicht vor ihr zu fliehen, sondern kann mich auf sie einlassen.

weil ich an diesem tag kopüber baumelte, kann ich aus der stille heraus tiefe freude an diesem anderen menschen in meinem leben haben. ich kann ihre einladung annehmen, das geschenk auch ihr geben und mit ihr ganz im moment sein. kann dann ganz genau spüren, was ist und es genießen. nichts braucht eine absicht und ein ziel zu haben. ich kann offen sein für das, was ich in mir spüre und von ihr spüre und geben und annehmen. da ist eine fülle an möglichkeiten und jetzt komme ich aus dem lächeln nicht mehr heraus. es kann sein, dass ich dieses begreifen noch nicht immer präsent haben werde, aber ich sorge mich nicht. bis jetzt hat mich noch immer wer innen an den füßen über den erdrand ins universum gehängt und tüchtig ausgeschüttelt.

die frau im spiegel zwinkert mir zu. ich bin mir inzwischen recht sicher, dass ich sie ziemlich gut kenne. aber man weiß ja nie. und wenn ich das nächste mal dem menschen begegne, die mir das geschenk macht, nichts zu definieren, werde ich sie von ihr grüßen. jetzt aber höre ich erst mal miles davis, lese ein gutes buch und trinke einen tee dazu.

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