"… in das grenzenlose zu mir zurück" (else lasker-schüler)

oben oder unten, je nachdem

es ist mal wieder einer von diesen trägen sonntagnachmittagen. die tarnen sich gern als völlig harmlose zeitgenossen irgendwo zwischen miles davis, tee und guten büchern oder einem spaziergang mit feinen menschen und kucheneinkehr oder auch den zoffenden kindern im hof, die mich so entzückend nervtötend an die eigene kindheit erinnern.

wie auch immer, ich ahne mal wieder nichts, fläze so gemütlich vor mich hin und durch den tag und dann plötzlich packt mich jemand von innen und stellt mich auf den kopf. damit nicht genug, hängt sie mich auch noch über den erdenrand mitten ins universum und sagt dann: »na, wo ist oben, wo ist unten? wer bist du und was machst du hier und träume ich dich?« mir fällt die kinnlade runter oder nach oben, je nachdem und ich möchte protestieren und fragen, was das soll. so eine unverschämtheit, da in mir rumzuturnen und mich so zu erschrecken. und überhaupt, wer träumt hier gefälligst wen und lass mich sofort runter. oder hoch, je nachdem.

dann sage ich nichts, weil mir einfällt, dass ich ja gerade am seidenen faden der welt mitten ins universum baumele und man weiß ja nicht, was mit denen passiert, die da so baumelten wie ich und dann hat man sie einfach losgelassen und schwupps, weg waren se. nee, ich bleibe lieber ruhig. habe ich mir so gedacht. aber dann geht es erst richtig los. »es gibt keine sicherheiten im leben.« na, da schau her, madame stellt nicht nur gern unschuldige sonntagnachmittagsmenschen auf den kopf, nein, weise sprüche kann sie auch noch. »ach?«, sage ich und halte meine entgegnung für ziemlich clever. madame jedoch beginnt, mich von unten nach oben durchzuschütteln. oder von oben nach unten, je nachdem.

durch einen spiegel, in einem dunklen wort

ihr satz echot in mir und wie sie mich so schüttelt, gerät alles in mir ins vibrieren. beinahe ist es angenehm, wenn da nicht die sache mit dem hängen, sie wissen schon, wäre. und während ich das denke, denke ich noch?, lässt sie los. loopings auf der achterbahn sind lächerlich gegen das, was mir da bis ins mark fährt. das fühlt sich an wie einen medizinball in die magengrube zu bekommen, der mich mal eben zum mond und zurück schießt oder wie eine qualle durchs meer geworfen zu werden. damit nicht genug, rase ich währenddessen vorwärts und rückwärts durch die zeit und alle filme allen lebens auf dieser erde spielen gleichzeitig in meinem kopf.

eine zeitlupenstimme dringt zu mir durch. »sie haben dich belogen, sie wussten es nicht besser. keine sicherheit, und auch keine kontrolle.« ich falle, falle, falle und finde mich im bad wieder. dem raum in meiner wohnung mit dem einzigen spiegel. aufmerksam schaue ich die im spiegel an, irgendwie kommt sie mir bekannt vor. »ich soll kontrolle loslassen lernen, haben sie gesagt. damit ich lerne, den menschen wieder zu vertrauen, haben sie gesagt. dass mir das schwer fällt, weil ich als kind keine wahl hatte. dass ich vermutlich nie wieder einem menschen vollauf werde vertrauen können. weil ich nicht wisse, wie das geht, kontrolle loszulassen, ohne todesangst dabei. weil ich lieber nicht vertraue, als wieder todesangst zu haben, haben sie gesagt.«

die frau im spiegel zwinkert mir zu. »sie sagen viel, weil sie die welt sehen, wie sie sie sehen. und doch. es ist selten so, wie wir denken. zum glück.« »wie ist es dann?« »frag dich das selbst«, sagt sie. »tu ich doch gerade«, sage ich und sie lacht laut.

ich weiß nicht, wieso das so ist. wieso ich 34 jahre durchs leben gehe und 24 jahre davon glaube, es gebe so etwas wie sicherheiten, obwohl ich seit meiner geburt nichts anderes erfahren habe, als dass es sie nicht gibt. oder wenn, dann nur in grausamer variante. die letzten 10 jahre meines lebens habe ich damit verbracht, zu lernen, dass das eben so ist, dass dieses leben sich ohne sicherheiten lebt. und dass es meine entscheidung ist, ob ich ok damit bin oder ob ich die nummer mit dem gegen windmühlenflügel anstürmen noch länger durchziehen will. und dann kommt ein sonntagnachmittag um die ecke, der mir den boden unter den füßen wegzieht.

ein geschenk als solches erkennen und alte haken

dem ging voraus, dass ich es mir die letzten tage schwerer gemacht habe als sonst. da ist ein mensch, von der ich kaum etwas weiß, außer, dass sie mir mehr und mehr ins herz wächst. und dass, obwohl sie darinnen schon immer verwurzelt gewesen zu sein scheint. während ich mich bisweilen frug, was uns da so zueinander führt und wieso und wohin, analysiert, bewertet und definiert sie nicht, was zwischen uns ist. als sie sagte, dass sie nichts benenne, um nichts zu definieren, dämmerte mir: nichts zu definieren kann man nicht bloß nutzen, um sich nicht einlassen zu müssen auf den gegenüber. dieses mal geht es nicht darum, einander auszuweichen, sondern darum, sich einzulassen in größtmöglicher offenheit und achtsamkeit. sie macht mir seit monaten das vielleicht schönste geschenk, dass man einem anderen menschen machen kann und ich kann es endlich auch als solches erkennen.

dieses geschenk mit der immanenten, unausgesprochenen einladung, es ihr gleichzutun, überfordert mich zunächst. den mut braucht es erst mal, das anzunehmen. ich kann gar nicht so schnell flashback sagen, wie erinnerungen auftauchen und ängste, die tiefer sitzen, als mir lieb ist. es braucht keine drei sekunden, um mir deutlich zu machen, dass es noch genug in mir gibt, was will, dass ich es anschaue. von mittwoch abend bist sonntag mittag habe ich also eine horde kinderängste auf dem schoß, verteile unmengen an imaginärem kakao, quengele und zetere, beruhige mich wieder und umarme mich fest. bin froh über die exfrau, die sagt, sie kennt sowas von sich auch, lasse gedanken auf spaziergängen freien lauf und stelle mich dem unbequemen in mir, weil es dran ist.

da gibt es nämlich sehr wohl die tendenz in mir, zu analysieren und das, was geschieht, irgendwie einordnen zu wollen und sei es auch noch so lose. auch, wenn ich damit viel gelassener bin als noch vor jahren. aber, kein vertun, würde das jemand umgekehrt bei mir versuchen, man sähe, triebe man es zu weit, nur noch meine staubwolke von hinten. so versuchte ich oft, zu üben, kontrolle loszulassen, auch wenn ich keinen blassen schimmer habe, wie das denn bloß gehen solle.

der gedanke lag ja nahe. ich möchte vertrauen, habe aber aus mir wohl bekannten gründen regelrecht todesangst davor. hingabe könnte genausogut auslieferung und sterben müssen bedeuten. der nicht verletzte teil in mir weiß ganz genau, dass die wahrscheinlichkeit heutzutage gegen null geht und das echt einen versuch wert ist, über die eigene grenze zu springen mit dem vertrauen. und dafür bräuchte ich was zu tun? klare sache, das, was man mir eingetrichtert hat: kontrolle abgeben, loslassen.

hingabe ist das, was wir längst täglich tun

aber dann kam der sonntag nachmittag und ich bin 34 jahre alt und komplett auf den kopf gestellt. ich weiß nicht, wieso das so ist, dass man durchs leben läuft und es einem partout nicht wie schuppen von den augen fällt. vielleicht, weil alles gut so ist, wie es ist und alles seine zeit braucht, die es ja auch nicht gibt. was weiß ich. ich bin mir auch beinahe sicher, das, was ich heute begriffen habe, nicht zum ersten mal ins bewusstsein bekommen zu haben. aber erst jetzt macht es keine angst mehr. es gibt nämlich nicht nur keine sicherheiten im leben ( daran allein kann man ja schon meschugge werden), nein, es gibt mit dieser annahme dann auch keine kontrolle über rein gar nichts. es ist so logisch, dass es irrwitzig erscheint. ich bin völlig entwaffnet und lache, lache. vielleicht bin ich jetzt meschugge, aber es fühlt sich so leicht und gut an, dass ich das glatt in kauf nähme.

wenn ich keine sicherheiten im leben erzeugen kann, heißt das nichts anderes, als dass ich darüber auch keine macht, keine kontrolle habe. wenn es also nicht möglich ist, etwas zu kontrollieren, dann ist macht und kontrolle nichts weiter als illusion unseres geistes und tadaaaa: was es nicht gibt, kann ich nicht abgeben und loslassen. ich brauche überhaupt keine panik davor zu schieben, kontrolle loslassen zu müssen und mich auszuliefern. ich tue nämlich 24h am tag an sieben tagen die woche und 365 tagen im jahr seit meiner geburt nichts anderes als genau das: ich liefere mich aus. dem leben, dem universum, dem fluss allen seins, man nenne es, wie man will. ich habe nicht mal die wahl, es nicht zu tun, außer, ich brächte mich um und selbst dann ist nicht sicher, dass das spiel damit aufhört. da ich gerne lebe, ist das eh egal.

den mut haben, ein geschenk anzunehmen

es ist sonntag nachmittag und ich könnte die ganze welt umarmen. weil es so einfach ist, so verflixt einfach, dass ich es übersehen habe: das leben fließt und ich fließe mit. nicht mehr und nicht weniger als das. BAMM! und wenn ich nichts kontrollieren kann und nichts sicher ist, dann brauche ich auch nicht meine zeit damit zu verplempern, irgendwas definieren zu wollen, was da wächst und gedeiht zwischen einem anderen menschen und mir. dann brauche ich mich nicht zu fürchten, ob ich vertrauen kann oder nicht und mich nicht zu fragen, wohin mich oder sie oder uns das miteinander führt. ich kann all diesen quatsch lassen, mit dem mein geist sich selbst zuplappert und wieder in der stille sein. ich brauche nicht vor ihr zu fliehen, sondern kann mich auf sie einlassen.

weil ich an diesem tag kopüber baumelte, kann ich aus der stille heraus tiefe freude an diesem anderen menschen in meinem leben haben. ich kann ihre einladung annehmen, das geschenk auch ihr geben und mit ihr ganz im moment sein. kann dann ganz genau spüren, was ist und es genießen. nichts braucht eine absicht und ein ziel zu haben. ich kann offen sein für das, was ich in mir spüre und von ihr spüre und geben und annehmen. da ist eine fülle an möglichkeiten und jetzt komme ich aus dem lächeln nicht mehr heraus. es kann sein, dass ich dieses begreifen noch nicht immer präsent haben werde, aber ich sorge mich nicht. bis jetzt hat mich noch immer wer innen an den füßen über den erdrand ins universum gehängt und tüchtig ausgeschüttelt.

die frau im spiegel zwinkert mir zu. ich bin mir inzwischen recht sicher, dass ich sie ziemlich gut kenne. aber man weiß ja nie. und wenn ich das nächste mal dem menschen begegne, die mir das geschenk macht, nichts zu definieren, werde ich sie von ihr grüßen. jetzt aber höre ich erst mal miles davis, lese ein gutes buch und trinke einen tee dazu.

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Kommentare zu: "die im spiegel zwinkert mir zu" (4)

  1. es ist so schön zu sehen, liebe Lilith, wie du einen heilsamen balsam sanft auf deine seele aufträgst, wie er langsam in ihre tiefen zieht und dort seine fast magischen wirkungen tut, die schließlich in deinen worten zartschimmernd wieder zum vorschein kommen …

    … oh, und gerade spüre ich es … durch deine worte wirkt er auch in mir !!
    jetzt werde ich doch gleich mal in meinen spiegel gucken und mir ein lächeln schenken.

    danke dir.

  2. lieber armin,
    oft weiß ich nicht, wer die ist, die das balsam einreibt. ich bin ihr dankbar, dass sie es tut. und ebenso dankbar bin ich, wenn es auch andere seelen, wie die deine, berührt und animiert, in liebe zu sein.
    lilith

  3. Mark schrieb:

    Mit deinen Worten hast du meiner von Selbstfindung geprägten Woche einen würdigen Abschluss beschert.

    Nachdem ich nun meinen Wurzeln und alten, wahren Freunden den angemessenen Wert für mein Leben zugestehen kann, liegt nur noch die ungewisse Zukunft schwer und nahezu unüberwindbar in meinem Weg.
    Dachte ich bis vor 15 Minuten.

    Durch deinen Text hast du meinem Hirn, wie eine sehr gute Freundin es kürzlich tat, einen gehörigen Tritt in den Hintern verpasst.
    Das beste was mir passieren konnte.

    Welchen Schalter deine Worte auch immer in mir umgelegt haben mögen, ich bin dir unfassbar zu Dank verpflichtet.

    Adieu!
    Mark

  4. lieber mark,

    ich bin sprachlos vor freude.
    solche hinterntritte an hirn oder herz auslösen zu dürfen, dafür bin ich dankbar.

    dir viel neugierde und freude an dem, was sich dir nun weiter eröffnen mag.

    alles gute auf deinem weg,
    poetin

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