"… in das grenzenlose zu mir zurück" (else lasker-schüler)

barfuß

meine sprache schmeckt fremd, auch wenn ich noch die gleichen vokabeln benutze. ungelenk fällt sie mir aus dem mund und schüttelt das noch feuchte gefieder. wenn ich sie hinausbefördern will, bevor sie es an der zeit findet, stemmt sie sich mit ihren winzigen krallen in meine mundwinkel oder lässt meine hände zu sehr zittern. ich denke diesen sommer viel an meine oma und wieso sie mich nur immer „fejgele, goldkind tochter zion“ genannt hat. daran, dass manche geheimnisse so offensichtlich sind, dass man besser nicht an ihnen rührt.

das ist ein sommer, der möchte nur spielen. und ich spiele mit, wenn ich den grünen tee in meiner tasse beobachte, wann denn bloß endlich mir daraus ein higgs-boson zuwinkt. wenn ich draußen auf dem land bin, mit dem acker schmuse und mich frage, ob wir jetzt beide quantenspünge gemacht haben und ob ich noch dieselbe bin wie vorher. diesen sommer laufe ich so viel barfuß wie lange nicht mehr. dort, auf dem land. auf schotter und grobem asphalt, auf hartem lehmboden und im modder, durch viele  pfützen und wiesen, über disteln, durch lupinen und über stoppelfelder. die spitze eines steines in deiner fußsohle lehrt dich, jeden schritt achtsam zu tun. solche weisen sprüche formuliere ich im kopf, während ich warte, dass der schmerz nachlässt und farbe in mein gesicht zurückkehrt. und dann lache ich über meine ungeduld. dies ist ein zeitlupensommer gewesen. kann man mir nichts anderes erzählen. egal, wie viel da geschehen ist und wie schnell das scheinbar war. auch meine seele läuft neuerdings nur noch barfuß und es bekommt ihr gut.

stadt, land, lärm

ich mag den lärm der stadt nicht. ich mag auch den lärm auf dem land nicht, wenn menschen ihn machen. es gibt tage, da möchte ich meinen nachbarn bücher an den kopf werfen, nur, damit sie endlich ein mal ruhe geben. und es gibt tage wie gestern. das eisessen mit der besten freundin und die rückfahrt im bus. gelassen steige ich aus. das allein schon großes aha. ich gehe nicht direkt nach hause. etwas zieht mich mitten auf den platz an der großen straße. hin zu einer der bänke unter dem denkmalgeschützten baum.

ich sitze inmitten der kakophonie einer millionenstadt und irgendwer schaut mit großen augen aus mir heraus und hört mit großen ohren hin. kurz überlege ich, ob ich wieder hinter die haushofersche wand gerutscht bin. und, schlimmer noch, ob mir der hebel abgebrochen ist, mit dem ich in die welt der anderen zurückkehren  kann. aber das hier ist anders als früher. ich bin nicht nur hellwach und klar da hinter meinem vorhang aus nichts, ich bin zugleich auch mitten im geschehen.

neben mich setzt sich eine ältere frau. sie stinkt unter den armen ihres synthetikpullis und es stört mich nicht. von links kommt zigarettengeruch und einer zieht sich die schuhe aus. von noch weiter links weht dönergeruch herüber und ich hätte niemals „das parfüm“ schreiben können, weil mir tolle worte für gerüche fehlen, auch wenn ich eine nase habe, die fast so gut wie grenouilles ist. die welt oder was wir dafür halten, steht völlig still in mir und um mich herum. unablässig spuckt sie aus einem fluchtpunkt weit hinten silberzeug die straße herunter. beim näherkommen bekommt es verschiedene formen und farben. betonmischer und ein werbekühlschrank, der für drei riesen reichte. busse und lkw, lüftersirren und sirenenklirren und klaxon, klaxon, die hupen. ein hund hält seine schnauze in eine der brunnenfontänen, eine mutter ihr baby an eine andere. da ist das schild, das alles überragt auf dem platz und an die kz gemahnt, in denen so viele menschen um ihr leben gebracht wurden, dass ich manchmal nicht weiß, wie atmen.

es bahnt sich seinen weg

ich bin ein fejgele und sitze hier und dass das so kam, ist vemutlich ein einziger großer zufall, kismet, bestimmung oder glück, was weiß ich schon. da blinzelt sonne durch die blätter und auf der bank vor mir sitzt eine alte türkin und wippt mit den füßen in der luft. wie ein kind, denke ich. alles gleißt in diesem spätnachmittagslicht. nicht zu hart, nicht zu weich. scharf und liebevoll gezeichnet sehen die menschen aus, da an ihren sporttaschen und auf ihren fahrrädern. unter ihren ranzen, an ihren einkaufstrolleys oder den händen anderer menschen. sie sehen nicht mal fröhlich aus oder friedlich. die wenigsten von ihnen. eher abgekämpft und müde und nur noch halb neugierig und jetzt höre ich auf, ich mag adjektive einfach nicht. die welt steht immer noch still, ich spüre es genau. aus all diesen menschen strömt etwas, aus allem silberzeug und jedem blatt. aus dem gestank der frau neben mir und der schnapsfahne eine bank weiter. aus den leeren flaschen am baumstamm und dem dreck der straße und der gehwege.

es ist in den fliegen, die sich vor meinem auge jagen und dem geschrei des kindes an der ampel. es ist in den unzähligen fingerabdrücken auf dem knopf für das blindensignal. es ist im gorillaschritt des jungen mannes und im selbstgespräch der frau mit der schokolade in der hand. ich kann es spüren im fettigen haar des punkers und im schlurfen seines hundes. ich kann sehen, wie es aus jedem bart trieft und sich aus jeder glatten wange streift. wie es hinter den blicken der menschen sich seinen weg bahnt, ohne sich zu bewegen. wie es achtsam seine schritte setzt in den achtlosen schritten. wie es in der hektik alle zeit der welt hat.

es heißt immer, man könne liebe nicht sehen, aber ich weiß jetzt, das stimmt nicht. das, was ich da sehe, ist stille inmitten allen lärms. es ist, als könne ich plötzlich durch alles hindurch sehen. alles ist durchsichtig wie luft und doch in seiner form wie immer. ich kann sehen, wie wir auf der erdkruste wuseln und so durchsichtiger ball sind in einem durchsichtigen universum. wie wir weinen und lachen und kämpfen und uns bekriegen und morden und lieben und wiegen und kommen und gehen. wie wir alles irgendwie finden und leiden oder nicht leiden und nichts weiter sind als seelenleiber auf einem weltenleib und nichts sind und alles und nichts. wie wir von ungeheurer wichtigkeit sind für das ganze gefüge und das gefüge genauso wundersam sich fügte, wenn wir nicht wir, sondern ein sandkorn wären. wir tanzen wie staub im licht. wir wirbeln auf und setzen uns, bis wir wieder hochgewirbelt werden zum nächsten tanz.

bitte bleiben sie stehen und gehen sie weiter

da ist nichts, was es zu fürchten gilt und nichts, was es zu ändern gilt. fast kann ich die aufschreie hören, wie wir denn besonders sein können, wenn alle besonders sind. wie alles gleich sein kann, wenn es aber doch so und nicht anders ist. wie wir aber doch geboren werden und sterben, wir haben doch schließlich das blut gesehen und die schmerzen. ich habe keine antwort, außer, dass wir uns, die welt, das universum in einen schleier hüllen und mehr noch als vor dem tod angst haben, ihn zu lupfen. weil wir in dem moment begreifen würden, erinnern würden. weil wir in dem moment keine ausreden mehr hätten, so weiterzumachen, wie bisher, selbst wenn und obwohl sich gar nichts ändern muss, damit alles gut ist. ich habe keine antworten, ich habe nur ein zärtliches gespür. alles, was ich sagen kann, ist, dass jeder längst in dieser liebe ist und alles hadern obsolet wird, wenn einer hingeht und den schleier lupft. wer worte dafür sucht, kann rumi lesen, der hat verstanden, sie zu finden.

ein wissenschaftler nähme mich vermutlich auch gern auseinander, aber ich weiß, das da auf dem platz auf der bank unter dem baum an der straße, das ist keine erfahrung im sinne einer erfahrung. meine worte mögen die eines wahrnehmens sein und doch ist es das nicht. es ist reine sinnlichkeit gewesen und doch etwas, das mehr ist als ein fest für die sinne. ich bin all das. alle geräusche, aller geruch, der boden unter meinen füßen und der wind in meinem haar. ich bin alle menschen und insekten, alle fahrzeuge und der dreck auf der straße. ich bin die spiegelung im fenster des hauses gegenüber und jeder fingerabdruck. ich bin stille, die liebe ist. die welt dreht sich weiter, immerzu und ist doch still wie eh und je. wenn man nur still genug ist und sein ohr ans universum hält, kann man es atmen hören. mitten in und um sich.

auf dem nachhauseweg bemerke ich etwas neues, seitdem ich diesen sommer so viel barfuß gelaufen bin. jede socke, und sitze sie noch so passgenau selbstgestrickt an der ferse, dreht sich mir mit derselben nach oben. ich weiß nicht, wieso, es ist, als liefe ich anders. als möchten meine füße sich ihre freiheit bewahren. oder mir. sie mögen nicht, dass ich sie in schuhe und socken stecke und lassen das argument mit den temperaturen in deutschland kaum gelten. meine füße sind wie so vieles an und in mir noch nicht wieder gesund, dafür voll und ganz heile. aber das ist eine andere geschichte. oder auch nicht. der sommer geht in den herbst über und ich war noch nie so sehr zuhause in dieser welt, in diesem leben, wie barfuß und jetzt.

danke, liebes leben

auf eine weise war ich es immer, das begreife ich jetzt. dass ich das noch erleben darf, jetzt und hier und mit diesem bewusstsein, das ist unsagbar schön, finde ich. manche menschen glauben, ich habe einen knall und schwebe auf irgendeiner fluffigen wolke durchs leben und könne mir diese dreistigkeit nur erlauben, weil ich bestimmt noch nichts hartes durchgemacht hätte. dann lächle ich immer. in diesem einen leben allein habe ich schon sehr oft und sehr vieles überlebt, wofür vielen der vorstellungsmut fehlt. das wiederum möchte dann auch keiner hören, da kann man ja viel erzählen, wenn der tag lang ist. mir ist das egal. es hätte auch etwas ganz anderes sein können, was mich in diesem jetzt sein lässt, dessen bin ich annähernd sicher.

noch vor wenigen jahren hätte ich nicht gelaubt, was ich jetzt sehen kann und was ich wirklich bin. noch anfang des jahres wusste ich wie so oft nicht, ob ich das wirklich kann, dieses lange, lange überleben einmal in ein leben zu wandeln. in eines, mit dem ich 80 oder älter werden möchte. eine so große sammlung an zufällen und ebenso dingen, die so kommen sollten, wie sie kamen, an menschen, die mir hände reichten oder meine hände annahmen, führte mich gestern zu dieser bank auf dem platz. ich habe keine antwort darauf, was mich den schleier lupfen lässt, den wir menschen über uns, das leben und die welt legen. es ist so, mehr brauche ich nicht zu wissen. und nichts von alledem muss für irgendwen stimmen, der das hier liest.

vor einiger zeit tauchte in mir auf: „als sei der nicht endende fluss aus lärm in der welt mein koan.“ gestern habe ich mein koan gelöst. jetzt schärfe ich in demut meine sinne für dieses wunder. dieses wunder, das wir liebe, stille, leben oder wie auch immer nennen. vor 20 jahren träumte ich ein wort, „enterea“ und dass es „das ende der verdrehten sicht“ bedeutet. gestern streifte sich das, was ich scheint, die socken ab, die verdrehten. und meine seele geht barfuß, seitdem das universum das erste mal geblinzelt hat.

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Kommentare zu: "der sommer, der mir die verdrehten socken abstreift" (2)

  1. Weißt Du, was ich mag? Diesen barfüßigen Text von Dir und dass ich Dich beim Lesen vor mir sehen kann, neuerdings. :-)
    Liebe Grüße, Iris

  2. liebe iris,
    berühren dürfen, das mag ich. danke.
    ich winke dir mit selbstgestrickten ringelsocken zu (keine sorge, frisch gewaschen) und wackle quietschvergnügt mit den barfüßen.
    auf die einblicke und die ausblicke und das teilen.
    herzgruß, lilith

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