"… in das grenzenlose zu mir zurück" (else lasker-schüler)

hurra, es ist ein märchen!

das eine

opa hat immer gesagt: »das eine sag‘ ich dir jetzt. und das andere sag‘ ich dir morgen.«
dann will ich mal. das eine sag‘ ich euch jetzt: ich habe den ersten satz meines buches geschrieben. das klingt vermutlich ähnlich bescheuert wie »ich habe eine wassermelone getragen.«, aber was soll’s. mit an sicherheit grenzender wahrscheinlichkeit wird er auch nicht der erste satz meines buches bleiben.

das ist alles nicht so wichtig. wichtig ist, dass ich etwas getan habe, vor dem ich mich seit der pubertät gedrückt hatte. ich habe viele texte geschrieben. die meisten davon gibt es nicht mehr, wie die kurzgeschichten oder das theaterstück, die herzschmerzgedichte. manche texte gibt es noch und das ausschließlich so, wie sie hier auf dem blog standen, in erster rohfassung. ein gedicht hat es sogar als begleitung in das wundervolle buch „suna“ von pia ziefle geschafft und da begann ich, zu verstehen.

immer, wenn ich „suna“ zur hand nehme und einen blick auf das gedicht werfe, geht es mir wie hier im blog oder auf twitter, wenn ihr mir rückmeldungen zusteckt. ich bekomme eine ahnung davon, dass in mir die gabe wohnt, menschen mit meinem schreiben berühren zu dürfen. immer wieder zweifle ich daran und immer wieder belehren mich meine leser eines besseren. doch egal, wie oft ich anläufe genommen hatte, mit einem buch zu beginnen, hielt ich mich selbst geschickt davon ab.

fußfesseln

gegebenheiten wie meine körperlichen erkrankungen und die rückenunfreundliche heimbüro-ausstattung nahm ich zum vorwand, um mich nicht an den schreibtisch setzen zu müssen, außer für einen kurzen blogeintrag oder twitter zwischendurch. eine arme, arbeitsunfähige kirchenmaus hat kein ultraleichtes laptop, (weil sie keine 3 kg tragen darf), mit ausreichend großem bildschirm und einer tastatur mit superdruckpunkt und dem geringstem tastaturgeklapper und dem garkeinlüftergeräusch, das sie überall hin mitnehmen kann. und wenn es all das nicht war, was störte, dann sang eben der musiker im haus zu laut oder hörte der nachbar zu laut hip-hop und selbstverständlich taten mir ohrstöpsel nach 10 minuten im ohr weh. meine herkunftsgeschichte im nacken und der zusatz, dass ich mit (tada, genau) schreiben berühmt werden sollte, waren auch prima ausflüchte.

vor kurzem hat mir jemand liebes einen kleinen satz gesagt oder auch zwei. und mir dämmerte etwas. es geht nicht darum, ob ich heute schon auf einem macbook air tippen kann oder dass mein schreibtischstuhl nicht gut für meinen rücken ist, geschweige denn meine matratze. sie machte mir klar, dass wenn ich schreiben will, ich mich auch kurz egal wo hinsetzen und mit der hand schreiben kann, bis die schmerzen in der hand oder in rücken und beinen zu groß werden. und wenn das dann so ist, höre ich halt auf und vertraue darauf, dass der stoff in meinem kopf bleibt und wächst und gedeiht, bis ich wieder kraft habe, weiterzuschreiben.

es ist ein segen, menschen kennen zu dürfen, die wagen, mir auch unbequemes zu sagen. endlich konnte ich nicht nur sehen, wie selbstmitleidig ich mich angestellt habe, sondern es auch lassen. ja, mag gut sein, ich habe es nicht so luxuriös wie andere mit gesundheit und schreibutensilien. mich jeden tag zu fragen, ob ich mir heute von meinem geld außer etwas zu essen auch noch anderes leisten darf, ist immer wieder kraftraubend, aber kein weltuntergang. dass ich es luxuriöser habe als die meisten menschen auf der welt und ärztliche versorgung, wenn ich sie brauche, ist genauso wahr. dass es immer helping hands in der not gab, die das schlimmste verhindert haben, wenn es gar zu eng wurde, ist so wahr wie ein segen, für den ich unendlich dankbar bin. dass ich ein dach überm kopf habe, unter dem ich schreiben kann, ist wahr. und dass zu vergleichen nichts als leid bringt, erst recht.

was wirklich zählt

kurz, ich hatte das vergessen, was zählt: meine phantasie und mein talent, das habe ich. das kann mir niemand nehmen. ein notizbuch, bleistifte und füller und immer mal einen moment kraft, um auch unter schmerzen am rechner zu sitzen, all das habe ich ja. wenn ich erst mal im schreibfluss bin und dazu stöpsel im ohr habe, dann jucken mich auch die außengeräusche nicht mehr. da bin ich dann irgendwo tief in mir, wo das keine rolle mehr spielt. ich kann mich entscheiden, mich nicht über störquellen aufzuregen. ich kann mich entscheiden, keinen mangel zu empfinden und mir mit meiner körperlichen verfassung nicht leid zu tun. so einfach ist das.

nachdem all diese fadenscheinigen gründe weggefallen waren, nicht zu schreiben, egal, wie groß der drang danach in mir auch sei, kam ich zum kern. ich hatte zu begreifen, dass ich eigenverantwortung habe und vor allem und zuerst mich selbst als verbündete brauche. es gibt eine stimme in mir, die leise, leise, sich gegen alle anderen stimmen in mir erhebt. eine stimme, die für mich einsteht und daran glaubt, dass ich etwas mitzuteilen habe. die mir sagt, ich werde worte finden, die fähig sind, zu transportieren, was mit worten nie zu fassen ist. diese stimme habe ich stets weitgehend ignoriert. habe ihr nur erlaubt, mich gedichte schreiben, twittern und bloggen zu lassen. immerhin, zum glück habe ich das.

wo worte versagen müssen

durch euch alle, die ihr mich lest, habe ich verstanden, dass ich menschen auch mit meinen worten berühre an dem ort, wo worte versagen müssen und dass ich nichts anderes möchte als genau das. es ist meine berufung und ich habe endlich den  mut, mich nicht mehr dagegen zu sperren. nicht jedem werde ich ein geschenk machen können mit meinen worten. aber darum geht es auch nicht. durch fachlichen austausch mit schriftstellerkolleginnen und -kollegen, habe ich zudem endlich orte, wo meine fragen und zweifel, mein schweiß und alle freude im schaffensprozess nicht nur angenommen, sondern mit mir fremden erfahrungen bereichert werden und umgekehrt. das hat mir jahrelang gefehlt und tut nun sagenhaft gut.

da ich manchmal noch dazu neige, den dingen zwar ihren lauf zu lassen, sie aber doch irgendwie einschätzen zu wollen, plante ich. ein kinderbuch sollte es werden. weil kinder baummenschen brauchen, die für sie einstehen. ich holte in einer umfrage vorschläge zu für kinder wichtigen themen ein. bekam ersten ansporn. leistete mir ein notizbuch mit feinem papier, wo mein buch drin wachsen wird, machte erste notizen – und versteckte mich dann wieder höchst produktiv auf twitter und im blog vor mir selbst. ich plante und plante, bis ich gestern mit einer schriftstellerkollegin ein feines gespräch über den stand der dinge führte, in dem sich einiges klärte. heute morgen hatte ich mit noch einer kollegin fachlichen austausch und im verlauf des gesprächs bekam ich in ihr eine erste mentorin für mich und mein buch.

das andere

es dämmerte mir: jetzt ist es ernst. die zeit des redenschwingens ist vorbei, jetzt ist die zeit, mein buch zu beginnen. genau das habe ich vorhin getan und mir zittern noch die hände vor aufregung. der erste schritt, mein märchen wahr werden zu lassen, ist getan. ich weiß nicht, wohin mich die reise führt. vielleicht werde ich euch hier teilhaben lassen oder in einer anderen form. vielleicht werde ich neben dem schreiben aber auch nur sehr selten auf twitter sein oder bloggen. möglich, ich könnte es aber auch als ausgleich brauchen, falls mir der schädel qualmt. ich habe keine ahnung. vielleicht wird es am ende nicht mal ein buch für kleine und große kinder, sondern ganz anders. was immer auch sein will, es wird sich mir zeigen. und ich gehe da jetzt einfach mit, ohne herumzustrampeln. ich weiß nur eines: es wird dieses buch geben. auch dank euch allen. eure unterstützung bedeutet mir unsagbar viel. (!)

wie auch immer, wann auch immer, wir lesen uns wieder, denn: das eine sag‘ ich euch jetzt. und das andere sag‘ ich euch morgen.

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Kommentare zu: "hurra, es ist ein märchen!" (6)

  1. @frauziefle <3 & (!)

  2. okay, liebe Lilith, dann will ich mal zu den menschen gehören, die dir vielleicht nicht unbedingt etwas unbequemes sagen, so doch etwas direktes :

    na endlich !! das wurde aber auch zeit !!!

    und noch was :
    ich wünsche mir ein handsigniertes exemplar.

    auch wenn ich grade selber ziemlich auf dem schlauch stehe,
    ich schick dir meinen ganzen kleinen mut für diese sache.

  3. lieber armin,
    ich lache vor freude. danke für deine direktheit.
    das signierte exemplar wird zu dir finden, wenn es soweit ist.
    dir und mir allen mut und alle kraft dort, wo wir sie brauchen.
    mein sein grüßt deines.
    lilith

  4. schreib, Goldfeder, schreib :-) Jeden Tag soundsoviel und soundsowenig. Aber schreib. So wie es ist, ist es gut.

  5. liebe knilda,
    so sei es. <3
    grüß mir die gefiederten freunde, die kolibris und sei auch du behütet beim wahrwerden lassen deines märchens.
    ich herze dich übern großen teich.

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