"… in das grenzenlose zu mir zurück" (else lasker-schüler)

das mädchen mit dem strohhalm

heute ist premiere. auf dem spielplatz mit hütekind, als bezugsperson nummer 1. die anderen erwachsenen lassen mich nicht mitspielen. ich bin die neue, so viel ist mal klar. da ich eh schreiben will, bin ich eher froh darüber.

so einfach geht das allerdings nicht mit dem schreiben. hütekind klettert nämlich wie tarzan und mein herz schlägt wild, weil ich keine watte um sie packen kann. zwischendrin darf sie auch noch kurz das gelände verlassen und eigenständig eine schrippe kaufen gehen. was soll ich sagen, ich zähle die sekunden, bis sie wieder unversehrt bei mir ist. in gesellschaft von kindern lässt sich vertrauen ins leben ganz wunderbar üben, so viel ist mal auch klar.

auf dem spielplatz ist nicht so viel glockenhelles engelslachen zu hören, wie ich vermutet habe. in erster linie unterhalten sich diese kinder in einer lautstärke untereinander, die den lärm startender flugzeuge in den schatten stellt. dazwischen brüllen sie vor wut, wenn der eine nicht will, wie der andere. weil der eine hat, was der andere will,  weil die den kopfstand länger kann oder weil der andere der einen auf den zeh trat. kinder sind auch sehr geschickt darin, sich beim toben und fangenspielen ineinander zu verkeilen wie ein rudel katzenbabies in wollknäuel. alle paar minuten spätestens gibt es kindersirenengeheul und erwachsene, die irren blickes über den platz hetzen und versuchen, ihr kind unter den anderen rauszufischen. wie das sich für ein erstes mal gehört, bin auch ich fällig.

mein hütekind sei vom klettergerüst gefallen und habe sich ganz doll wehgetan, sagt mir seine spielfreundin. ihre unterlippe zittert und ich bin kurz vorm herzinfarkt. usain bolt kann einpacken, so schnell rase ich durch die luft. zeitgleich trete ich innerlich allen „was wäre, wenn“ vors schienbein und hoffe, dass nichts furchtbares geschehen ist. immerhin, ich höre sie nicht brüllen. wobei, ach du je, sie brüllt nicht, verflixt, das ist kein gutes zeichen, oder? unterm klettergerüst purzeln mir große kullertränen entgegen. ich bin nicht sicher, aber ich glaube, nur kinder bekommen das so hin, diese perlengleichen zartgebilde.

man reiche mir sofort ein schwert, ich haue diese welt in stücke, die es wagt, meinem hütekind wehzutun. ich weiß ja, weiß ja, dass sie jetzt in diesem augenblick wichtiges lernt in ihrem schmerz. und doch, keine göttin zürnte imposanter als ich gerade. in den arm nehmen, kullertränen küssen und mir die gefährliche herunterplumpsgeschichte aus hütekind- und hütekindfreundinsicht 5x anhören und anerkennend klarmachen, wie toll sie beide das scheitern gemeistert haben. ich stelle mich gar nicht mal so schlecht an als teilzeitmama, finde ich. jedenfalls ist die welt für uns alle drei nicht untergegangen, und das ist doch schon mal was.

wieder zurück an meinem warteplatz schreibe ich weiter. ein mädchen kommt näher, ein stück karton in der hand. sie ist vielleicht vier jahre alt und starrt mit offenem mund auf das, was ich tue. ihre augen schauen wie aus einer anderen welt, die ich gut kenne. sie merkt, dass ich sie beobachte. »was machst du da?«, sagt sie. »ich schreibe ein buch«, sage ich. da huscht ein begreifen durch das ganze kind, von zuinnerst nach außen nach zuinnerst und schleudert sich als leuchten in die welt. sie strahlt mich mit ihrem ganzen sein an, dann nickt sie mir zu. ihre nackten füße streunen weiter, als habe sie kein ziel, doch ihr blick erinnert etwas, sucht etwas. nicht weit von uns liegt ein strohhalm im sand. grün, wie mein bleistift. das mädchen hebt ihn auf, lehnt sich an die hecke und schaut zu mir herüber. ich lächle ihr zu und schreibe weiter. im augenwinkel sehe ich, wie sie es mir gleichtut. die art ihres leuchtens kommt mir vertraut vor.

bevor ich mein hütekind für den nachhauseweg einsammle, suche ich noch ein mal blickkontakt mit meiner jungen kollegin. ich weiß, dass auch sie eines tages ihr buch mit einem stift schreiben wird. die da vor mir stand, das bin ich vor genau 30 jahren. dieses kind hat erkannt, dass sie selbst das schaffen kann, was in büchern zu finden ist. das etwas aus ihr seinen weg in ein buch finden kann. vielleicht wird sie unsere begegnung ebensowenig vergessen, wie ich. als ich gehe, drehe ich mich nach ihr um. konzentriert gleitet ihr strohhalm über den karton.
wir schreiben beide unser erstes buch.

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Kommentare zu: "das mädchen mit dem strohhalm" (2)

  1. Ich kann das gar nicht gut: anderswo als am Tisch schreiben. Aber was ich gut kenne ist, Motive zu finden, mit denen ich nicht gerechnet habe, während ich etwas tat, was mir nicht gut gelingen wollte. Ein schönes Motiv haben Sie heute jedenfalls gefunden und dass sie es teilen, ist wirklich schön.

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