"… in das grenzenlose zu mir zurück" (else lasker-schüler)

mit 90 hat man noch träume

meine nennmama ist neuerdings viel allein. nach fast 60 jahren ehe ist sie das nicht gewohnt und die ganze familie versucht, ihr das umgewöhnen zu erleichtern. ihr mann, mein nennpapa, liegt mit ebenfalls 90 jahren im sterben und das ist nicht leicht für mama, damit umzugehen. sie bat mich nach einigen telephonaten, ob wir uns nicht abends gutenacht sagen könnten und seitdem rufe ich sie jeden abend an.

jetzt, wo der papa nicht mehr mit in der wohnung ist und sie keine rücksicht zu nehmen braucht auf sein ruhebedürfnis, geraten wir regelmäßig ins erzählen. ich übe, eine gute zuhörerin zu sein. auch wenn ich weiß, dass diese halben stunden nur ein tropfen sind auf mamas 24 stunden, die es gilt, sich im alleinsein nicht einsam vorzukommen, geschieht erstaunliches. die geschichten, die mama mir erzählt, die erzählt sie mir seit fünf jahren. und doch, jetzt, da sie frei sprechen kann, gewinnen sie an tiefe und klarheit. es sind oft lustige geschichten und obwohl das gerade eine zeit ist, in der der ganzen familie immer mal zum heulen ist, lachen wir. gemeinsam lachen zu können, vielleicht der größte schatz, wenn’s dunkelt.

habt ihr schon mal das lachen einer 90jährigen gehört? es steckt so unsagbar an und ist zugleich etwas, das ich behüten möchte, so fragil klingt es. ich habe jedes mal tränen in den augen, weil ich weiß, dass es viel mut braucht, in ihrer situation zu lachen und sich dem fluss des lebens hinzugeben. was weiß ich auch mit 34 schon davon, was es bedeutet, 90 und müde zu sein, weil das leben ein anstrengendes war? also höre ich zu und ich höre genau zu. diese geschichten sind wichtig für sie, und auch wenn ich mich davor hüte, geschichten allzu viel bedeutung beizumessen, respektiere ich, dass es für mama anders ist. diese geschichten waren ihr ein leben lang lichtblicke in dunklen stunden.

gestern abend erzählte sie die geschichte, wie sie in london als au pair mädchen in eine missliche lage im hyde park geriet, so bunt und angeregt, dass ich noch hellhöriger wurde als sonst. im anschluss sagte sie mir, dass sie nun ein notizbuch am fußende ihres bettes liegen habe, bis ihr jemand die große schreibmaschine wieder unterm bett hervorholt. ich bestärkte sie darin, das auch zu nutzen, als zeitvertreib und um sich zu erinnern. was mama dann ausbaldowern würde, das allerdings hätte ich mir nicht geträumt:

vorhin spürte ich mama förmlich funken durch die leitung sprühen. sie weiß, dass ich schriftstellerin bin. »ich hab gestern abend etwas ausgeheckt, schätzele«, sagte sie. »das hat mich aus meiner depression geholt gestern. weißt, ich war immer gut in deutsch und auch im zehnfingerschreiben. wenn die schreibmaschine wieder aufgebaut ist, dann mache ich notizen, die schicke ich dir.  die kannst du als vorlage haben für lustige geschichten. schreib ein bissel humorvoll und mach was draus. mein name tut nichts zur sache, kind, hauptsache, es kommt was zuckersüßes und lustiges dabei raus. und dass es anderen menschen freude macht beim lesen.« ich sage ihr, dass ich sie gerne unterstützen werde, aber möchte, dass ihr name drauf steht. sie fürchtet, für eitel gehalten zu werden, aber irgendwas sagt mir, ich solle darauf bestehen, dass es ihr buch ist. und mein bauch behält recht:

»weißt, ich bin schon auch müde. das ist mit 90 alles nicht mehr so einfach. aber ich habe noch träume, denke mal, mein kind. ich wollte immer schon mal etwas schreiben, aber du weißt ja, wie mein leben war. und da hab ich mir gestern abend gedacht, mit deiner hilfe, da könnten wir doch noch was hinkriegen.« »soso, das hast du dir also einfach so gedacht, mama?« »denke mal, ja. sowas hab i mir denkt!« und dann lacht sie dieses zarte und starke lachen einer 90jährigen. ich stimme ein und wir kichern und sind gar sehr vergnügt. »wir haben ja alle zeit der welt«, sagen wir uns und lachen noch wilder.  — ja, mama. meine unterstützung hast du. ich bin sicher, es kommt etwas zuckersüßes dabei raus und deine geschichten werden anderen freude machen beim lesen.

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Kommentare zu: "mit 90 hat man noch träume" (1)

  1. Einfach schön!

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