"… in das grenzenlose zu mir zurück" (else lasker-schüler)

meinwärts

dieser blog wird mit sofortiger wirkung geschlossen.

so, jetzt ist es raus.
schon im sommer habe ich die allermeisten texte aus über drei jahren blog vom netz genommen. ich dachte, das genügt für einen neuanfang. aber tabula rasa geht anders.

meinwärts, das steht für meine selbstfindungsjahre. für die zeit, als ich begonnen hatte, mich aus meiner sozialen isolation zu wagen. für die zeit, als ich noch glaubte, irgendwer anders als ich selbst sei verantwortlich für meine erlebnisse und meine empfindungen dazu. meinwärts steht für die jahre, in denen ich mich selbst suchte und nicht fand, für das letze jahr, in dem ich etwas ungleich kostbareres wieder erinnert und verinnerlicht habe:

essenz

da ist kein ich, dass das ruder in der hand halten müsste, das leben regelt das schon alles prima selbst und das nicht grad erst seit gestern. mit dem gehen, was ist, das ist nicht nur möglich, sondern machbar, vor allem aber ist es ratsam. wir leben in der perfektesten aller möglichen welten, immerzu. diese welt ist grausam und schön und bitter und süß und alles dazwischen auch. es gibt nichts zu tun, aber neugierig zu sein und zu staunen verhindert auf ungemein praktische weise aufkommende langeweile oder verzweiflung. die kann man als ewiges wasauchimmer nämlich durchaus ab und an empfinden.

rückblick

dankbar bin ich für die zeit hier mit meinwärts. ich habe mit sprache wieder neu spielen gelernt und das wortkleid im hier möglichen rahmen geweitet, wenn es mir zu eng wurde. es gab für mich beistand und rückhalt von anderen, wie auch ich anderen beistand und rückhalt gab. ich habe die erfahrung zulassen können, dass mein schreiben andere menschen berührt und was das für ein geschenk ist.

für mich persönlich waren die letzten vier jahre reich und rasant an veränderungen, an höhen und tiefen. das habe ich hier im blog besonders, z. t. aber auch auf twitter, sehr nach außen kommuniziert, und das alles hatte nicht immer mit literatur zu tun und ist auch in ordnung so. doch wenn etwas nicht mehr stimmig ist, dann ist es an der zeit, es hinter sich zu lassen und weiterzugehen. darin habe ich in den letzten jahren auch einiges an übung gesammelt.

und jetzt ist das blog hier eben nicht mehr stimmig. es ist weder hier noch überhaupt mehr wichtig für mich, klassische nabelschau zu betreiben. da sind flusen drin, das war es aber auch schon. das weiß man zwar vorher, das sagt einem auch jeder, von dem man es nicht hören will, aber es ist wie mit der heißen herdplatte: erst, wenn man sich lange genug selbst in den nabel gestarrt hat, begreift man, dass da mindestens noch ein ganzes universum dranhängt. und dieses mindestens noch eine ganze universum lebt, pulsiert und hält einen nicht für den nabel und ob man der nun ist oder nicht, das ist, ich sage es mal schonend: schnurzpiepegal.

liebe und so weiter

wenn man dann glück oder pech (je nach sichtweise) hat, fängt dieses mindestens noch eine ganze universum an, einen zu interessieren. und prompt hat man den salat – man liebt diese welt und ihre menschen und das ganze drumherum. und man fragt sich so einiges:

in was für einer welt lebe ich da eigentlich? und in welcher welt lebt diese welt? wie ticken menschen und wieso und warum tacken sie nicht, wenn sie ticken? wie höre ich auf, verstehen zu wollen und nur noch zu sehen, was ist? wie geht das, zufrieden zu sein, ohne mich zufrieden zu stellen? wie fühle ich mit, ohne das schönste oder das schlimmste persönlich zu nehmen? was ist hinter der frage und wie lautet die frage überhaupt?

mit vier fragte ich mich z. b., was hinter dem „ende“-schild im universum sei und auch wenn ich mir fast sicher bin, dass es darauf keine antwort gibt, außer der einen, kann ich das trotzdem erforschen. natürlich, im grunde ist es völlig schnuppe, ob ich mir das universum außerhalb oder innerhalb meines bauchnabels ankucke, aber die innenschau wurde mir auf die dauer schlicht zu langweilig. manchmal wünschte ich, mir genügte langeweile, aber dann gehe ich doch lieber mit dem, was ist. hilft ja nix.

ganz still und stumm

und dann ist da noch das verstummen. manchmal weiß ich nichts mehr zu sagen, weil mich alles, was ist, sprachlos sein lässt. manchmal, weil ich noch immer privates und persönliches auseinanderzuhalten lerne. manchmal, weil ich so mit staunen über alles, was ist, beschäftigt bin, dann wieder, weil es im grunde nichts zu sagen gibt. es brauchte den tipp von einem lieben menschen, mir die antrittsvorlesung von rainald goetz im rahmen der heiner-müller-gastprofessur anzuschauen, um mich aus meiner entscheidungsunlust herauszubewegen. der herr goetz sagt da herzenskluge dinge und auch dinge, mit denen ich nicht d’accord gehe und plötzlich war alles in mir wieder sonnenklar.

es geht für mich nicht mehr darum, „in das grenzenlose zu mir zurück“ zu kommen, wie ich mein blog „meinwärts“ mit einem zitat else lasker-schülers untertitelte. es geht auch nicht mehr darum, lebensberatung zu bekommen oder zu schenken. es geht nicht mehr darum, soziale rollen auszuprobieren.

mach neu

nein, es geht darum, endlich textwärts zu gehen. endlich, immer und immer wieder neu. im wissen, dass alles eins ist, das private abtrennen und den blick zu schärfen, das sprachgefühl. es geht darum, von einer zärtlichkeit für menschen, für dieses leben geleitet, zu schreiben. im besten sinne das ich zu nutzen, dass es nicht gibt, um dem raum zu geben, was sich raum finden will. sprache auszuloten, weil ich vom schreiben nicht lassen kann, trotz aller stummen phasen. immer wieder ein aufbäumen in mir zuzulassen, nicht abzustumpfen. zu ringen und zu beißen, zu kratzen und zu treten, ein mich mit jedem dem nichts abgetrutzten wort umgarnen und mir dann aus der falle zu entwischen. immer wieder den flirt mit sprache zu riskieren, meiner großen liebe nach hunden und steinen.immer wieder in den abgrund steigen, um etwas emporzuholen, was nicht ich ist.

wenn schweigen erlaubt ist, gibt es eben doch immer neu den impuls, das, was nicht gesagt werden kann, in worten zu umkreisen. den drang, zu erforschen, was sprache ist und was man mit ihr tun und lassen kann und zu prüfen, ob es gelingen kann, eine neue sprache zu finden für das, was sich sprache entzieht, auch wenn es sie zugleich hervorbringt. ich freue mich darauf, grandios zu scheitern, weil der text partout nicht sagen will, was ich aber meinte, sagen zu wollen und darüber nicht zu wissen, was nun ein gedanke war oder ist oder sein könnte. ich freue mich darauf, verblüfft vor wesen aus text zu stehen, die aus mir heraus in diese welt kommen und nicht fassen zu können, dass derlei wunder sich aus mir heraus sagen kann.

textwärts

das ganze kann man dann literatur und kunst nennen, wenn man will. man kann es schlecht oder gut oder überhaupt nicht finden. man kann mich mit meinen texten verwechseln, man kann es aber auch lassen. man kann sich seinen teil dazu denken und wenn man ganz doll will, mir sogar mailen. man kann vielleicht antwort darauf bekommen, – falls sich für mich nicht stimmig anspürt, zu antworten, aber auch nicht. man kann nie wissen. aber lesen kann man es, so viel ist gewiss, hier in meinem neuen blog: textwärts.

die private pforte für die öffentlichkeit schließe ich, die literarische stoße ich dafür umso weiter auf.
der rest des archives hier bleibt bestehen, schon allein wegen der schönen #lalelu-aktion damals auf twitter.
meine seele dankt euch allen, dass ihr hier so viel mit mir geteilt habt. seid gesegnet. adieu.
so ihr mögt, finden wir uns bei textwärts wieder.

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Kommentare zu: "auf ihrem weg zum horizont – ein adieu und ein willkommen" (8)

  1. Liebe Lilith,
    für mich klingt das Ganze nach einer sehr stimmigen Entwicklung, deshalb freue ich mich für Dich und folge Dir gerne in den neuen Hafen. Schönes Motto, dieser Satz von Margaret Atwood (den man auch umdrehen könnte, fällt mir gerade ein: Niemand verbietet Dir …)
    Herzliche Grüße,
    Iris

  2. Liebe Iris,
    ob es ein Hafen ist oder schlicht die raue, grenzen- und uferlose See mit ihren Tiefen und dem Himmel über sich, oder was auch immer, das wird sich zeigen. Schön, dass du mit an Bord bist auf der Reise ins Ungewisse.
    Margaret Atwood würde ich gern mal fragen, ob sie wirklich glaubt, dass nichts und niemand einen zum Schreiben zwingt. Ich bin mir da nicht so sicher.
    Mit deiner Wendung des Zitates ist der Subtext gleich ein anderer, einer, den es ebensowenig zu vernachlässigen gilt.
    Auf das Leben, auf das Schreiben,
    Lilith

  3. wunderbar :))

  4. Grundsätzlich interessiert mich, warum sich dir das Schreiben „aufdiktiert“?
    Ist in dir ein steter Wille zur Aussage?

    Abgesehen von gewissen Unklarheiten besitzt dein Text eine enorme Anziehungskraft. Man bekommt gewissermaßen ein ambivalentes Bild von deiner Dichterperson. Du machst es dir selbst nicht leicht, das imponiert besonders.
    Eine vermeintliche Ähnlichkeit zu den großen melancholischen Damen der Dichtkunst offenbart sich mir da schon.

  5. @frauziefle ja. <3

  6. hallo,
    warum sich das schreiben mich als eines seiner unzähligen gefäße ausgesucht hat und wieso und wozu es immer wieder überschwappt, das weiß ich nicht.

    ich frage mich das auch nur noch selten. es ist so, seit ich mit 5 schreiben lernte. ebbe und flut und flaute und sturm. mir bleibt, das anzunehmen und etwas daran mitzuformen, zuweilen. es findet sich seine form durch mich. oft genug fühle ich mich wie ein bildhauer, der zwar ganz genau ahnt, welch gebilde im stein steckt, dem es aber wie um alles in der welt nicht gelingen will, es genau so, wie es zu sein hat, aus dem stein zu befreien. auch das gehört dazu.
    ich habe es mal einige jahre geschafft, so gut wie nichts zu schreiben, mich wie dazu gezwungen. lass es mich so sagen: glückliche jahre waren das gewiss nicht.
    jetzt schreibe ich, wenn der impuls stark genug ist. schweigt es in mir, dann ist er es nicht und wenn ich es ernst meine, dann quetsche ich nicht künstlich etwas raus, was nicht da ist. das gibt nur schlechte texte und ist zeitverschwendung. es sind ja schon bei den texten, die aus innerem drang entstehen, genug schlechte dabei.
    das ist ok, geht z. b. photographen auch nicht anders.

    ich möchte gar nicht immer etwas sagen. aber manchmal möchte sich das universum etwas durch mich sagen und nur narren stellen sich gegen das, was das universum will. es kommt eh immer alles, wie es soll, oder es kommt nicht, wie es eben nicht kommen soll, irgendwann und irgendwie.

    ob ich den großen damen der dichtkunst ähnele oder nicht, von so etwas habe ich nicht recht ahnung. wozu ist das wichtig? präziser in meinem schreiben zu werden, in der sprache, die aus mir heraus will, das erscheint mir wichtig. auch wenn ich darum weiß, dass es eine ebensolch belanglose wichtigkeit ist, wie jede andere auch.

    möge mein schreiben klarer werden, auch mit hilfe des neuen blogs, und wenn auch da etwas von der anziehungskraft meiner sprache für dich und andere spürbar wird, umso schöner.

    gruß
    poetin

  7. Du hast das eigentliche Ziel schon wunderbar ausgelotet: Das Klarer-Werden der eigenen Sprache, die Präzision der Silben und Laute, die aus uns heraufsteigen und in ein autonomes Dasein treten. Ich wünsche dir erfüllende Momente in deinem Schaffen.

  8. danke. _/|\_

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