"… in das grenzenlose zu mir zurück" (else lasker-schüler)

mit 90 hat man noch träume

meine nennmama ist neuerdings viel allein. nach fast 60 jahren ehe ist sie das nicht gewohnt und die ganze familie versucht, ihr das umgewöhnen zu erleichtern. ihr mann, mein nennpapa, liegt mit ebenfalls 90 jahren im sterben und das ist nicht leicht für mama, damit umzugehen. sie bat mich nach einigen telephonaten, ob wir uns nicht abends gutenacht sagen könnten und seitdem rufe ich sie jeden abend an.

jetzt, wo der papa nicht mehr mit in der wohnung ist und sie keine rücksicht zu nehmen braucht auf sein ruhebedürfnis, geraten wir regelmäßig ins erzählen. ich übe, eine gute zuhörerin zu sein. auch wenn ich weiß, dass diese halben stunden nur ein tropfen sind auf mamas 24 stunden, die es gilt, sich im alleinsein nicht einsam vorzukommen, geschieht erstaunliches. die geschichten, die mama mir erzählt, die erzählt sie mir seit fünf jahren. und doch, jetzt, da sie frei sprechen kann, gewinnen sie an tiefe und klarheit. es sind oft lustige geschichten und obwohl das gerade eine zeit ist, in der der ganzen familie immer mal zum heulen ist, lachen wir. gemeinsam lachen zu können, vielleicht der größte schatz, wenn’s dunkelt.

habt ihr schon mal das lachen einer 90jährigen gehört? es steckt so unsagbar an und ist zugleich etwas, das ich behüten möchte, so fragil klingt es. ich habe jedes mal tränen in den augen, weil ich weiß, dass es viel mut braucht, in ihrer situation zu lachen und sich dem fluss des lebens hinzugeben. was weiß ich auch mit 34 schon davon, was es bedeutet, 90 und müde zu sein, weil das leben ein anstrengendes war? also höre ich zu und ich höre genau zu. diese geschichten sind wichtig für sie, und auch wenn ich mich davor hüte, geschichten allzu viel bedeutung beizumessen, respektiere ich, dass es für mama anders ist. diese geschichten waren ihr ein leben lang lichtblicke in dunklen stunden.

gestern abend erzählte sie die geschichte, wie sie in london als au pair mädchen in eine missliche lage im hyde park geriet, so bunt und angeregt, dass ich noch hellhöriger wurde als sonst. im anschluss sagte sie mir, dass sie nun ein notizbuch am fußende ihres bettes liegen habe, bis ihr jemand die große schreibmaschine wieder unterm bett hervorholt. ich bestärkte sie darin, das auch zu nutzen, als zeitvertreib und um sich zu erinnern. was mama dann ausbaldowern würde, das allerdings hätte ich mir nicht geträumt:

vorhin spürte ich mama förmlich funken durch die leitung sprühen. sie weiß, dass ich schriftstellerin bin. »ich hab gestern abend etwas ausgeheckt, schätzele«, sagte sie. »das hat mich aus meiner depression geholt gestern. weißt, ich war immer gut in deutsch und auch im zehnfingerschreiben. wenn die schreibmaschine wieder aufgebaut ist, dann mache ich notizen, die schicke ich dir.  die kannst du als vorlage haben für lustige geschichten. schreib ein bissel humorvoll und mach was draus. mein name tut nichts zur sache, kind, hauptsache, es kommt was zuckersüßes und lustiges dabei raus. und dass es anderen menschen freude macht beim lesen.« ich sage ihr, dass ich sie gerne unterstützen werde, aber möchte, dass ihr name drauf steht. sie fürchtet, für eitel gehalten zu werden, aber irgendwas sagt mir, ich solle darauf bestehen, dass es ihr buch ist. und mein bauch behält recht:

»weißt, ich bin schon auch müde. das ist mit 90 alles nicht mehr so einfach. aber ich habe noch träume, denke mal, mein kind. ich wollte immer schon mal etwas schreiben, aber du weißt ja, wie mein leben war. und da hab ich mir gestern abend gedacht, mit deiner hilfe, da könnten wir doch noch was hinkriegen.« »soso, das hast du dir also einfach so gedacht, mama?« »denke mal, ja. sowas hab i mir denkt!« und dann lacht sie dieses zarte und starke lachen einer 90jährigen. ich stimme ein und wir kichern und sind gar sehr vergnügt. »wir haben ja alle zeit der welt«, sagen wir uns und lachen noch wilder.  — ja, mama. meine unterstützung hast du. ich bin sicher, es kommt etwas zuckersüßes dabei raus und deine geschichten werden anderen freude machen beim lesen.

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ohne ausweichen

morphium statt maschinen
sagen die ärzte
es ist wie es ist
nur eine frage der zeit

was fragt sie denn die zeit
und wer ist sie überhaupt
dass sie entscheidet
wann der anruf kommt
dass der gegangen ist
für den ich wache halte

auf meinem schoß wiege ich
den jeder nur kennt ohne gesicht
und tröste ihn den es nicht gibt
wie die zeit die entscheidet

wann es bei mir klingelt

 

häschen, hüpf!

arthur conan doyle hat seinerzeit sherlock holmes umgebracht und ihn nur wiederauferstehen lassen, weil es genug fans, aber auch genug geld dafür gab. mit dem kunsthasen @harveypuca hatte ich nie den anspruch, geld zu verdienen. es ging mir darum, freude zu bereiten, an einem möglichen weg teilhaben zu lassen und andere wege zu begleiten.

ich pausierte immer wieder mit harvey und startete ende juli noch mal neu, um in den letzten zwei monaten zu merken, dass die luft für mich raus ist und dass ich @harveypuca statt für den hasen nur noch dafür nutzte, dinge zu schreiben, die ich sonst bei @poetin geschrieben habe. vielleicht tat ich es, weil ich so noch per dm erreichbar blieb, weil harvey eine größere reichweite als @poetin und sicher auch, weil ich eine gewisse eitelkeit hatte. es ist unbestritten schön, etwas wohltuendes bewirken zu dürfen. doch wenn eine kunstfigur nur noch reale und vermeintliche erwartungen erfüllt, dann ist es zeit, neue wege zu gehen. von harvey kann ich nicht leben. vom buch, was ich schreibe, immerhin ein bisschen, wenn es soweit ist, so hoffe ich.

mit @harveypuca treibe ich mich zu tief im twitterland herum und halte mich vom schreiben ab. so einfach ist das. das merke ich schon länger und änderte doch nichts. weil ich keine sein will, die immer nur davon schwätzte und am ende nie ein buch schrieb, werde ich mich nun von harvey verabschieden. ich bekomme das nicht hin mit ihm, nur noch sporadisch zu twittern. multitasking kann ich zwar, doch ich mag es nicht und die qualität meiner arbeit sinkt dadurch. was andere dann noch für gut befinden, genügt meinen ansprüchen nicht. es hat spaß gemacht mit harvey und euch. jetzt lasse ich ihn ziehen. wenn ihr in euch schaut, dann wisst ihr eh, dass jeder mensch einen eigenen púca in sich trägt. harvey konnte euch eh nichts geben, was nicht in euch selbst ist. deswegen ist es auch kein verlust, ihn aufzugeben.

alles, was ich noch in 140ern zu sagen habe, findet ihr von nun an wieder bei @poetin. wenn ich zeit für twitter finde, lese ich euch dort auch weiter sehr gern in einer liste oder schicke euch ab und zu einen stern als gruß. und wer von euch mich wirklich erreichen möchte, wird auch verschmerzen, dass der dm-kanal zu ist und andere wege schon haben oder finden, mit mir in kontakt zu treten.
als abschiedsgeschenk vom hasen lasse ich euch das pdf mit den tweets der letzten beiden monate da. ein paar alte tweets waren da ja auch drin. ob ich für die noch älteren mal eine erneute verwendung finde, wird sich zeigen. harveypuca tweetbook

diesen abstand zu euch brauche ich nicht, weil ich an euch etwas nicht ok finde, sondern weil ich mich und meinen rest furcht vorm schreiben kenne, die jeden schlupfwinkel nutzt, anderes zu tun als zu schreiben. mit @poetin war ich schon immer in der lage, den für mich sinnvollen abstand zu wahren und jetzt brauche ich die unterstützung vom schwan erneut. damit es das buch geben kann, von dem ich mir wünsche, dass es existieren und wie harvey es konnte, andere menschen zuinnerst berühren wird.

 

 

das mädchen mit dem strohhalm

heute ist premiere. auf dem spielplatz mit hütekind, als bezugsperson nummer 1. die anderen erwachsenen lassen mich nicht mitspielen. ich bin die neue, so viel ist mal klar. da ich eh schreiben will, bin ich eher froh darüber.

so einfach geht das allerdings nicht mit dem schreiben. hütekind klettert nämlich wie tarzan und mein herz schlägt wild, weil ich keine watte um sie packen kann. zwischendrin darf sie auch noch kurz das gelände verlassen und eigenständig eine schrippe kaufen gehen. was soll ich sagen, ich zähle die sekunden, bis sie wieder unversehrt bei mir ist. in gesellschaft von kindern lässt sich vertrauen ins leben ganz wunderbar üben, so viel ist mal auch klar.

auf dem spielplatz ist nicht so viel glockenhelles engelslachen zu hören, wie ich vermutet habe. in erster linie unterhalten sich diese kinder in einer lautstärke untereinander, die den lärm startender flugzeuge in den schatten stellt. dazwischen brüllen sie vor wut, wenn der eine nicht will, wie der andere. weil der eine hat, was der andere will,  weil die den kopfstand länger kann oder weil der andere der einen auf den zeh trat. kinder sind auch sehr geschickt darin, sich beim toben und fangenspielen ineinander zu verkeilen wie ein rudel katzenbabies in wollknäuel. alle paar minuten spätestens gibt es kindersirenengeheul und erwachsene, die irren blickes über den platz hetzen und versuchen, ihr kind unter den anderen rauszufischen. wie das sich für ein erstes mal gehört, bin auch ich fällig.

mein hütekind sei vom klettergerüst gefallen und habe sich ganz doll wehgetan, sagt mir seine spielfreundin. ihre unterlippe zittert und ich bin kurz vorm herzinfarkt. usain bolt kann einpacken, so schnell rase ich durch die luft. zeitgleich trete ich innerlich allen „was wäre, wenn“ vors schienbein und hoffe, dass nichts furchtbares geschehen ist. immerhin, ich höre sie nicht brüllen. wobei, ach du je, sie brüllt nicht, verflixt, das ist kein gutes zeichen, oder? unterm klettergerüst purzeln mir große kullertränen entgegen. ich bin nicht sicher, aber ich glaube, nur kinder bekommen das so hin, diese perlengleichen zartgebilde.

man reiche mir sofort ein schwert, ich haue diese welt in stücke, die es wagt, meinem hütekind wehzutun. ich weiß ja, weiß ja, dass sie jetzt in diesem augenblick wichtiges lernt in ihrem schmerz. und doch, keine göttin zürnte imposanter als ich gerade. in den arm nehmen, kullertränen küssen und mir die gefährliche herunterplumpsgeschichte aus hütekind- und hütekindfreundinsicht 5x anhören und anerkennend klarmachen, wie toll sie beide das scheitern gemeistert haben. ich stelle mich gar nicht mal so schlecht an als teilzeitmama, finde ich. jedenfalls ist die welt für uns alle drei nicht untergegangen, und das ist doch schon mal was.

wieder zurück an meinem warteplatz schreibe ich weiter. ein mädchen kommt näher, ein stück karton in der hand. sie ist vielleicht vier jahre alt und starrt mit offenem mund auf das, was ich tue. ihre augen schauen wie aus einer anderen welt, die ich gut kenne. sie merkt, dass ich sie beobachte. »was machst du da?«, sagt sie. »ich schreibe ein buch«, sage ich. da huscht ein begreifen durch das ganze kind, von zuinnerst nach außen nach zuinnerst und schleudert sich als leuchten in die welt. sie strahlt mich mit ihrem ganzen sein an, dann nickt sie mir zu. ihre nackten füße streunen weiter, als habe sie kein ziel, doch ihr blick erinnert etwas, sucht etwas. nicht weit von uns liegt ein strohhalm im sand. grün, wie mein bleistift. das mädchen hebt ihn auf, lehnt sich an die hecke und schaut zu mir herüber. ich lächle ihr zu und schreibe weiter. im augenwinkel sehe ich, wie sie es mir gleichtut. die art ihres leuchtens kommt mir vertraut vor.

bevor ich mein hütekind für den nachhauseweg einsammle, suche ich noch ein mal blickkontakt mit meiner jungen kollegin. ich weiß, dass auch sie eines tages ihr buch mit einem stift schreiben wird. die da vor mir stand, das bin ich vor genau 30 jahren. dieses kind hat erkannt, dass sie selbst das schaffen kann, was in büchern zu finden ist. das etwas aus ihr seinen weg in ein buch finden kann. vielleicht wird sie unsere begegnung ebensowenig vergessen, wie ich. als ich gehe, drehe ich mich nach ihr um. konzentriert gleitet ihr strohhalm über den karton.
wir schreiben beide unser erstes buch.

hurra, es ist ein märchen!

das eine

opa hat immer gesagt: »das eine sag‘ ich dir jetzt. und das andere sag‘ ich dir morgen.«
dann will ich mal. das eine sag‘ ich euch jetzt: ich habe den ersten satz meines buches geschrieben. das klingt vermutlich ähnlich bescheuert wie »ich habe eine wassermelone getragen.«, aber was soll’s. mit an sicherheit grenzender wahrscheinlichkeit wird er auch nicht der erste satz meines buches bleiben.

das ist alles nicht so wichtig. wichtig ist, dass ich etwas getan habe, vor dem ich mich seit der pubertät gedrückt hatte. ich habe viele texte geschrieben. die meisten davon gibt es nicht mehr, wie die kurzgeschichten oder das theaterstück, die herzschmerzgedichte. manche texte gibt es noch und das ausschließlich so, wie sie hier auf dem blog standen, in erster rohfassung. ein gedicht hat es sogar als begleitung in das wundervolle buch „suna“ von pia ziefle geschafft und da begann ich, zu verstehen.

immer, wenn ich „suna“ zur hand nehme und einen blick auf das gedicht werfe, geht es mir wie hier im blog oder auf twitter, wenn ihr mir rückmeldungen zusteckt. ich bekomme eine ahnung davon, dass in mir die gabe wohnt, menschen mit meinem schreiben berühren zu dürfen. immer wieder zweifle ich daran und immer wieder belehren mich meine leser eines besseren. doch egal, wie oft ich anläufe genommen hatte, mit einem buch zu beginnen, hielt ich mich selbst geschickt davon ab.

fußfesseln

gegebenheiten wie meine körperlichen erkrankungen und die rückenunfreundliche heimbüro-ausstattung nahm ich zum vorwand, um mich nicht an den schreibtisch setzen zu müssen, außer für einen kurzen blogeintrag oder twitter zwischendurch. eine arme, arbeitsunfähige kirchenmaus hat kein ultraleichtes laptop, (weil sie keine 3 kg tragen darf), mit ausreichend großem bildschirm und einer tastatur mit superdruckpunkt und dem geringstem tastaturgeklapper und dem garkeinlüftergeräusch, das sie überall hin mitnehmen kann. und wenn es all das nicht war, was störte, dann sang eben der musiker im haus zu laut oder hörte der nachbar zu laut hip-hop und selbstverständlich taten mir ohrstöpsel nach 10 minuten im ohr weh. meine herkunftsgeschichte im nacken und der zusatz, dass ich mit (tada, genau) schreiben berühmt werden sollte, waren auch prima ausflüchte.

vor kurzem hat mir jemand liebes einen kleinen satz gesagt oder auch zwei. und mir dämmerte etwas. es geht nicht darum, ob ich heute schon auf einem macbook air tippen kann oder dass mein schreibtischstuhl nicht gut für meinen rücken ist, geschweige denn meine matratze. sie machte mir klar, dass wenn ich schreiben will, ich mich auch kurz egal wo hinsetzen und mit der hand schreiben kann, bis die schmerzen in der hand oder in rücken und beinen zu groß werden. und wenn das dann so ist, höre ich halt auf und vertraue darauf, dass der stoff in meinem kopf bleibt und wächst und gedeiht, bis ich wieder kraft habe, weiterzuschreiben.

es ist ein segen, menschen kennen zu dürfen, die wagen, mir auch unbequemes zu sagen. endlich konnte ich nicht nur sehen, wie selbstmitleidig ich mich angestellt habe, sondern es auch lassen. ja, mag gut sein, ich habe es nicht so luxuriös wie andere mit gesundheit und schreibutensilien. mich jeden tag zu fragen, ob ich mir heute von meinem geld außer etwas zu essen auch noch anderes leisten darf, ist immer wieder kraftraubend, aber kein weltuntergang. dass ich es luxuriöser habe als die meisten menschen auf der welt und ärztliche versorgung, wenn ich sie brauche, ist genauso wahr. dass es immer helping hands in der not gab, die das schlimmste verhindert haben, wenn es gar zu eng wurde, ist so wahr wie ein segen, für den ich unendlich dankbar bin. dass ich ein dach überm kopf habe, unter dem ich schreiben kann, ist wahr. und dass zu vergleichen nichts als leid bringt, erst recht.

was wirklich zählt

kurz, ich hatte das vergessen, was zählt: meine phantasie und mein talent, das habe ich. das kann mir niemand nehmen. ein notizbuch, bleistifte und füller und immer mal einen moment kraft, um auch unter schmerzen am rechner zu sitzen, all das habe ich ja. wenn ich erst mal im schreibfluss bin und dazu stöpsel im ohr habe, dann jucken mich auch die außengeräusche nicht mehr. da bin ich dann irgendwo tief in mir, wo das keine rolle mehr spielt. ich kann mich entscheiden, mich nicht über störquellen aufzuregen. ich kann mich entscheiden, keinen mangel zu empfinden und mir mit meiner körperlichen verfassung nicht leid zu tun. so einfach ist das.

nachdem all diese fadenscheinigen gründe weggefallen waren, nicht zu schreiben, egal, wie groß der drang danach in mir auch sei, kam ich zum kern. ich hatte zu begreifen, dass ich eigenverantwortung habe und vor allem und zuerst mich selbst als verbündete brauche. es gibt eine stimme in mir, die leise, leise, sich gegen alle anderen stimmen in mir erhebt. eine stimme, die für mich einsteht und daran glaubt, dass ich etwas mitzuteilen habe. die mir sagt, ich werde worte finden, die fähig sind, zu transportieren, was mit worten nie zu fassen ist. diese stimme habe ich stets weitgehend ignoriert. habe ihr nur erlaubt, mich gedichte schreiben, twittern und bloggen zu lassen. immerhin, zum glück habe ich das.

wo worte versagen müssen

durch euch alle, die ihr mich lest, habe ich verstanden, dass ich menschen auch mit meinen worten berühre an dem ort, wo worte versagen müssen und dass ich nichts anderes möchte als genau das. es ist meine berufung und ich habe endlich den  mut, mich nicht mehr dagegen zu sperren. nicht jedem werde ich ein geschenk machen können mit meinen worten. aber darum geht es auch nicht. durch fachlichen austausch mit schriftstellerkolleginnen und -kollegen, habe ich zudem endlich orte, wo meine fragen und zweifel, mein schweiß und alle freude im schaffensprozess nicht nur angenommen, sondern mit mir fremden erfahrungen bereichert werden und umgekehrt. das hat mir jahrelang gefehlt und tut nun sagenhaft gut.

da ich manchmal noch dazu neige, den dingen zwar ihren lauf zu lassen, sie aber doch irgendwie einschätzen zu wollen, plante ich. ein kinderbuch sollte es werden. weil kinder baummenschen brauchen, die für sie einstehen. ich holte in einer umfrage vorschläge zu für kinder wichtigen themen ein. bekam ersten ansporn. leistete mir ein notizbuch mit feinem papier, wo mein buch drin wachsen wird, machte erste notizen – und versteckte mich dann wieder höchst produktiv auf twitter und im blog vor mir selbst. ich plante und plante, bis ich gestern mit einer schriftstellerkollegin ein feines gespräch über den stand der dinge führte, in dem sich einiges klärte. heute morgen hatte ich mit noch einer kollegin fachlichen austausch und im verlauf des gesprächs bekam ich in ihr eine erste mentorin für mich und mein buch.

das andere

es dämmerte mir: jetzt ist es ernst. die zeit des redenschwingens ist vorbei, jetzt ist die zeit, mein buch zu beginnen. genau das habe ich vorhin getan und mir zittern noch die hände vor aufregung. der erste schritt, mein märchen wahr werden zu lassen, ist getan. ich weiß nicht, wohin mich die reise führt. vielleicht werde ich euch hier teilhaben lassen oder in einer anderen form. vielleicht werde ich neben dem schreiben aber auch nur sehr selten auf twitter sein oder bloggen. möglich, ich könnte es aber auch als ausgleich brauchen, falls mir der schädel qualmt. ich habe keine ahnung. vielleicht wird es am ende nicht mal ein buch für kleine und große kinder, sondern ganz anders. was immer auch sein will, es wird sich mir zeigen. und ich gehe da jetzt einfach mit, ohne herumzustrampeln. ich weiß nur eines: es wird dieses buch geben. auch dank euch allen. eure unterstützung bedeutet mir unsagbar viel. (!)

wie auch immer, wann auch immer, wir lesen uns wieder, denn: das eine sag‘ ich euch jetzt. und das andere sag‘ ich euch morgen.

worte aus zwischenland

dein haar kämme ich dir wie wind über eine bergwiese streift. die geister aus der ältesten aller zeiten sind unter uns, sie wispern in fremder zunge. den feuerring um uns lass sie ziehen, wir verbrennen schon nicht. an deinem strumpfband das gewisse lächeln, du trägst es überall. wie du mir mundest, dass ich ganz wach bin und trunken von dir. alle welten legst du in eine umarmung. tauch deine hände in mich, ich will dir ein lichtbad sein, die gestirne reichen mich als flüssiges silber. verreibe mich auf dir, wir glänzen und ziehen fäden, mmmh, mmmh. deinen namen lecke ich dir in den schoß, bis dein ruf die nacht erhellt. sei mir gut, sei mir gut und winde dich um mich. das salz meiner haut trage dich durch innersten winter und eisblume sei mir jede deiner fingerspitzen. tauwasser trinke ich aus dir, du bist ein klarer gebirgsfluss. senke dein bett auf meinen mund, rausche in mir. wandre mit mir durch die zeit, lass uns ziellos sein. wie warm dein boden unter der kühlen wiese ist. ich beiße in den apfel und süße rinnt mir aus allen poren. deine hand streicht über meine hügel und täler, sie rastet und schnirchelt in meiner busenkoje. wenn du aufwachst, weiß dein blick von drachenhöhlen und labyrinthen ohne faden zu berichten. doch deine kehle liegt noch bloß, die geister haben uns verschont. dein leib tastet mich zu sich, dein schlafwarm ist mir mantel für den tag. ich segne dich mit tränen aus zärtlichkeit und kleide dich in wellen aus tiefen und sachten küssen. komm, ein mal noch wollen wir unsere hände ineinander flechten.

buddha wohnt genauso in einer stechmücke wie in jedem von uns. niemand ist erleuchteter als ein anderer. ganz gleich, wie sehr wir uns danach sehnen, angeschaut zu werden, gelobt zu werden. egal, wie wir auch hoffen, nicht ignoriert zu werden oder dass jemand uns nicht an die angst verriete, sondern in liebe mit uns feierte.

was immer wir auch tun, um in anderer menschen gunst zu stehen, wie sehr wir flüchten vor ihrer zuneigung. wie traurig wir uns fühlen, wie wütend und zornig, wie verbohrt und ignorant und ekelpaketig und widerlich und abschaumig, wie ängstlich und spirituell und oberflächlich und billig und gutmenschlich, wie religiös, atheistisch und politisch und abgeklärt und alterhasig, wie nervig und dümmlich und grausam und zynisch und klogriffig und was weiß ich wir uns geben:

da sind keine ominösen anderen, mit denen wir nichts zu tun haben. niemand ist schlupp vom grünen stern, der durch einen ärgerlichen oder tollen zufall auf die erde und in eine horde menschen geraten ist. wir sind nur so lange außerirdisch, wie wir uns weigern, aus wachen augen zu träumen. sobald wir die illusion loslassen, dass diese welt, dieses leben, die menschen um uns herum eine egal wie geartete bringschuld uns gegenüber hätten, was bleibt dann übrig?

wir alle atmen liebe, pupsen liebe, leuchten vor liebe, machen liebe, sind liebe.

wirklich alle? – so ketzerisch es auch anmuten mag:
ja. das wir, das ich ausspreche, umfasst ausnahmslos alle menschen.
was immer sie auch tun, was immer sie auch lassen.

es ist, was es ist. seitdem ich das sehe, habe ich dieselbe gefühlspalette, dieselben emotionen wie vorher. spüre wie vorher. und doch ist alles anders, präziser, klarer. ich weiß nicht mehr, wer ich bin, wer du bist und du und du und du auch. wer wir sind und wer wir einander sind, wenn nicht liebe. ich weiß nicht mehr, wie wir anderes sein könnten als eins in all seinen bunten und unterschiedlichen ausdrucksformen.

wir können die welt welt sein lassen, wir brauchen kein tamtam, kein abgehobenes geschwafel. wir brauchen keinen ständigen glückskick, wir brauchen auch kein suhlen in angst. wir sind in der liebe. das ist, wie wenn der zeiger auf null steht und alle möglichen ausschläge in beide richtungen in sich vereint hat. da ist eine glückseligkeit, die jenseits von hormonen und botenstoffen bereit und dankbar ist, jedes gefühl, das hochkommt, zum ausdruck zu bringen. wir brauchen keine esoterischen verschwörungstheorien, keine maya- oder andere weltuntergänge. kein new age, keine religionsfanatiker und kein darben nach irgendeinem nichtirdischen paradies. keine jahre voll meditation, kein weltfremdeln, kein glauben an schuld und sühne. keine vermeintliche rettung in reiner vernunft und dem glauben an den götzen wissenschaft. aber all das können wir tun, wie wir es tun, gewiss.

wir sind frei darin, in welcher umgebung wir die augen öffnen. doch es bräuchte keinen hokuspokus um irgendwas, kein spezielles leben. nicht mal den austritt aus dem hamsterrad, niemand braucht zu gehen und nicht wiederzukehren. es braucht nur, die augen aufzumachen, immer wieder. das genügt. alles mag scheinen, wie zuvor, und zugleich sitzt kein stein mehr auf dem anderen. wir haben die freiheit, zu begreifen, dass wir nie anderes als frei sind. wir sind sogar so frei, dass wir die augen nicht aufzumachen brauchen. wir haben keine pflicht, irgendwas anderes als wir selbst zu sein: die universen sind vollgepfropft mit den wunderlichsten paradoxen und möglichkeiten und dualität ist aus.

ich bin nicht erleuchteter als du und du und du. du bist nicht erleuchteter als ihr und wir sind nicht erleuchteter als diese stechmücke oder ein stein oder ein stück holz oder das brot, das wir essen.

bin ich abgeschweift? kommt jetzt der schlusssatz? wie klingt das lachen des universums? wie laut ist stille? was bewirkt nichts?

was ist wach? was ist traum? wie viele realitäten werfen wir als imaginäre schleier über das, was ist? schmücken die menschen ihre münder schon mit kirschblüten aus? sagen wir uns womöglich längst in mangosprache das, was nicht sagbar ist? und überhaupt – wer bin ich?

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